Berlinaleblog

68. Berlinale, 15.-25. Februar 2018

Babel

Von Babel wurde geschrieben, dass Alejandro González Iñárritu mit seiner nichtlinearen Erzählweise die Geschichten von zahlreichen Menschen erst ganz zum Schluss zusammen führt. Öh? Fand ich überhaupt nicht, ich fand, dass eigentlich schon ziemlich schnell klar gemacht wurde, wer wie zusammen hängt: das Ehepaar, das im Urlaub offensichtlich etwas aufzuarbeiten hatte, die mexikanische Kinderfrau, die die ihr anvertrauten Kinder mit zu einer Hochzeit in Mexiko nimmt, weil sie keine andere Betreuung findet, das gehörlose japanische Mädchen, das so sehr Nähe sucht, dass es sogar dem Zahnarzt über die Nase schleckt (nicht nur das), und natürlich die algerischen Jungs, die zum Koyoten verjagen ein Gewehr bekommen und um zu testen, ob es denn jetzt richtig schießt, auf den Reisebus mit Touristen schießen.

Dabei wird die Ehefrau (Cate Blanchett) in die Schulter getroffen. An dieser Stelle nimmt die Verknüpfung der Geschichten ihren Ausgangspunkt, dies ist auch die Stelle, wo ich jetzt mal schreiben muss, dass mir die Figur des Ehemanns (Brad Pitt) überhaupt nicht gefallen hat. Das ist merkwürdig, denn eigentlich haben alle Figuren in ihrer jeweiligen Situation so ziemlich alles verkehrt gemacht, was ging. Gestört hat es mich nur bei Brad Pitt. Ja, die Kinderfrau hätte ihren Neffen nicht besoffen fahren lassen sollen, auf Touristenbusse schießen ist definitiv nicht zulässig, und sich jedem Mann aufdringlichst an den Hals zu werfen, für junge Mädchen auch nicht ernsthaft zu empfehlen.

Trotzdem hatte ich für alle anderen Verständnis, nicht für diesen Ehemann. Ich glaube fest an die Notwendigkeit, dass in Krisensituationen mindestens eine Person ruhig bleibt und sich vernünftig verhält – ich weiß auch, dass das geht. Er reagiert völlig hysterisch, dabei ist er noch nichtmal allein, er hat den Dolmetscher bei sich, mit dem er sich verständigen kann, es kommt medizinischer Beistand – ok, nicht der, den er sich gewünscht hätte, aber immerhin -, der Krankenwagen ist angekündigt. Seine Frau kann sowieso nicht mit dem Bus transportiert werden, warum fängt er also so einen sinnlosen Streit mit seinen Mitreisenden an? Die sind natürlich auch widerlich (aber für eine Touristengruppe sehr authentisch!), aber es gibt da einen, der ihm anbietet, mit ihm zurückzubleiben und auf den Krankenwagen zu warten, das heißt, er ist nicht allein mit seinem Problem – warum darf der Bus da nicht mit den anderen Passagieren abfahren? Und warum muss er den Polizisten so absolut widerwärtig anbrüllen? Klar, diesem Mann gehen die Nerven durch, das wird schon deutlich, aber genau das nehme ich der Figur übel: dass sie das Klischee vom ignoranten Amerikaner, der sich im Ausland einfach nicht zu benehmen weiß, so vollkommen und peinlich erfüllt. Der typische Tourist, der anfängt zu brüllen, wenn es nicht nach seinem Kopf geht – Krise hin oder her, der zivilisierte Mensch versucht gerade in der Krise mit den Menschen, die ihm helfen, höflich und eben zivilisiert umzugehen.

Alle anderen Figuren haben mir in ihren Versuchen zu beweisen, dass alles, was schief gehen kann, tatsächlich schief geht, so gut gefallen, dass ich dem Film doch sehr dankbar bin, dass die meisten – nun ja, nicht alle – für das Ausmaß der angelegten Katastrophen doch relativ glimpflich davon kommen.

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