Mona Lisa

Der Text zu Mona Lisa im Berlinale-Katalog klingt wirklich interessant. Li Ying ist auch kein Anfänger, das überrascht ziemlich, wenn ich das alles nach dem Film nochmal lese (ja genau, der von Dream Cuisine – den Film mochte ich auch nicht, die meisten anderen, mit denen ich darüber gesprochen hatte, aber schon). Mona Lisa ist so eine Art Dokudrama, ein Spielfilm, in dem die Personen sich selbst spielen. Die Eltern sind im Knast, weil sie vor Jahren ein Mädchen entführt haben – das ist inzwischen erwachsen und hat selbst ein kleines Kind, und wohnt erstaunlicherweise immer noch gleich nebenan. Die Großmutter liegt im Sterben und es geht darum, der Mutter für einen letzten Besuch zu Hafturlaub zu verhelfen.

Was ich daran interessant fand, war vor allem der flexible Umgang mit den Vorschriften: Hafturlaub? Gibt es nur, wenn ein Dorfkader für die Person bürgt. Der will nicht, also fährt Xiuxiu immer mit dem dicken Kind auf dem Arm in den Ort, wo Muttern einsitzt. Hier heißt es: Hafturlaub? Gibt es nur, wenn mindestens die Hälfte der Strafe abgesessen ist. Auch das ist nicht der Fall. Nächste Instanz: Hafturlaub? Gibt es nur, wenn polizeiliche Bewachung mitreist – na also, geht doch. Eigentlich weiß die Sinologin ja, dass Vorschriften in China verhandelbar sind, aber selbst mit der Justiz? 

Trotzdem war der Film vor allem unangenehm anzuschauen: langweilig, langatmig, scheußlich schlechte Bild- und Tonqualität, unmotiviert wackelige Kamera. Ach ja, und Mona Lisa: das ist (kein Spoiler – es kommt gleich in den ersten Szenen) ein Marmor- und Steinbaustoffhersteller, der in einer lustigen Werbekampagne mit Bus, Tanztruppe und Kapelle über Land fährt, um die chinesischen Häuslebauer zum Einsatz von römischen Marmorsäulen zu bewegen. Abstrus, aber im Film nur Fremdkörper.

Erstaunlich war beim Nachlesen im Katalog daher vor allem, dass es eben nicht irgendein Filmhochschulabschlussfilm war, sondern das Werk eines etablierten Dokumentarfilmers. Kann es denn sein, dass irgendwer den Mangel an Technik als Stilmittel verstanden hat? Oder wurde der Film ohne vorheriges Sehen einfach nur aufgrund der interessant klingenden Geschichte zum Forum eingeladen?

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Kommentare

Eine Antwort zu „Mona Lisa“

  1. stefan

    Für mich war dieser Film nicht nur unangenehm anzuschauen, weil Bild, Ton und Kameraführung zufällig und schlecht waren. Und auch nicht weil sich da irgend jemand selbst spielen würde. Nein, das Draufhalten der Kamera ist es, das aus Big Brother geborene ‚Dokudrama‘, das nicht mehr den Menschen sieht, sondern eine zweifelhafte Versuchanordnung sich selbst überlässt. Nein, was für ein Glück, dass die Grossmutter im Sterben lag, da haben wir ein tolles Thema erwischt. Das Li Ying maßlos unfreundlich zu seien Protagonisten ist, wissen wir seit Dream Cuisine. Er ist nicht an den Menschen interessiert, sondern an den Konflikten, die er wie Verkehrsunfälle abfilmt – bis zum letzten Zucken.

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