Der lebende Leichnam

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Über Die Kinder vom Napf war ich ehrlich gesagt ein bisschen enttäuscht – deshalb würde ich gern Micha oder Uta beim Schreiben den Vortritt lassen und widme mich "Dem lebenden Leichnam" Schiwoi trup .

Nein, keine Vampirstory, sondern die Geschichte eines Mannes, der  seinen eigenen Tod vortäuscht, weil das die einzige Möglichkeit ist, die Ehe mit seiner Frau zu beenden. Der Stummfilm von 1929 beeindruckt durch unerwartete Konstellationen, faszinierende Figuren, expressive Montage (von wegen: heute wird so schnell geschnitten!) und einen sehr eindrucksvollen Wsewolod Pudowkin als Hauptdarsteller (ansonsten als Regisseur bekannt).

Was ich sehr toll und unerwartet fand: Die Konstellation, die die
Scheidung notwendig macht, ist so erleichternd modern und vernünftig:
Die Frau hat sich in einen anderen Mann (einen Freund des Ehemanns)
verliebt und er sich in sie. Alle wissen es, alle akzeptieren es,
niemand kann etwas dafür, niemand vollführt ein albernes
Eifersuchtsdrama. Es muss einfach nur die falsche Ehe enden, damit die
richtige beginnen kann und das Leiden der drei Hauptfiguren ein Ende
hat. Das sieht auch der Held so, und er will alles tun, um das zu
erreichen. 

Im Russland kurz vor der Revolution verboten Kirche und Gesetz grundsätzlich die Scheidung, Es gab nur drei Ausnahmen:

  1. die Ehe kann nicht vollzogen werden
  2. ein Ehepartner ist fünf Jahre unauffindbar
  3. eindeutig nachgewiesener Ehebruch.

Letzteres sollte unter den gegebenen Umständen nun eigentlich nicht
so schwer zu bewerkstelligen sein, denkt man sich. Aber nein,
selbstverständlich kann nicht die Frau den Ehebruch begehen, sondern der
Mann muss es tun. Müsste es tun, denn er kann es nicht. Was schon ein
bisschen zimperlich wirkt, bis man sieht, dass sich für solche Fälle
eine richtige Infrastruktur aus ekligen, schmierigen Typen gebildet hat,
die alles bereitstellen, was man für den nachgewiesenen Eherbruch
braucht: "Ein Hotelzimmer – drei Zeugen – eine Dame". (Und einen
Polizisten, der alles protokolliert.). So richtig expressionistisch
widerlich.

Der Mann kann es also nicht, und wäre aus Kummer sogar bereit, sich
für die Freiheit der beiden umzubringen. Die dafür notwendige Pistole
leiht ihm ein unheimlicher aber nicht unsympathischer Fremder, eine Art
"freundlicher Tod" in Karohosen und Schiebermütze. Vom Schießen hält ihn
aber dann doch noch sein Lebenswille (in Gestalt einer jungen
Zigeunerin) ab, und so kommt es zum vorgetäuschten Selbstmord in der
Wolga. Die Ehefrau identifiziert eine Leiche, der Fall wird geschlossen,
sie heiratet und er geht quasi in die Illegalität, was bedeutet er
vegetiert ein paar Jahre in den Elendsvierteln Moskaus (sehr
eindrücklich im Film) vor sich hin. Der freundliche Tod wird sein
Kumpel. Er quält sich wie ein geschundenes Pferd. Dann passiert das Unausweichliche: Er wird von den widerlichen
Ehebruch-Providern erkannt und erpresst – und dadurch kommt die ganze
Sache ans Licht. 

Das ist der Punkt, an dem die Geschichte aus meiner heutigen Sicht
inhaltlich so affig wird, dass ich leider nicht mehr so recht mitgehen
konnte. Denn warum in aller Welt sollte eine Gerichtsbarkeit eine Frau
der Bigamie anklagen können, deren Mann zum Zeitpunkt der zweiten Heirat
offiziell tot war – mit Grabstein und allem? Und wessen genau sollte ein Mann angeklagt werden, der sich (und nur sich) freiwillig ins Elend
gestürzt hat? Aber auch wenn man die Prämissen nicht mehr so recht
glauben kann: die Ausweglosigkeit, das Aufbegehren gegen dieses unmenschliche Gesetz, die Verzweiflung während der Gerichtsverhandlung, packen einen trotzdem. Schimmstenfalls droht beiden Ex-Ehepartnern als Urteil die Verbannung
nach Sibirien, und bestenfalls (!):  die Wiederherstellung ihrer Ehe!
Das ist der Punkt, an dem der Held dann noch einmal seinen freundlichen
Kumpel um die Pistole bemüht…

Wie wir in der Einführung erfuhren, traf der Film 1929 einen Nerv, da
in etlichen Ländern gerade über eine Reform des Scheidungsrechts
nachgedacht wurde.

Die Kopie ist frisch restauriert (dazu bin ich nicht urteilsfähig),
und die Original-Musikbegleitung wurde seit den 1920er Jahren ein
einziges Mal mit vollem Orchester aufgeführt. Diese Aufnahme von 1988
durften wir parallel zum Film (aber unabhängig davon!) hören, so dass
wir die derzeit bestmögliche Kopie mit der derzeit bestmöglichen
Begleitung bekamen. (Ganz witzig: die Aufnahme erfolgte 1988 live vor
Publikum, das auch auf der Tonspur zu hören ist. Das heißt die Huster im
Publikum 2012 mischten sich mit den Hustern im Publikum 1988.) Ist
Berlinale nicht klasse?

P.S. Ich drinke jetzt noch ein Bier und schaue mir zum Ausklang noch ein paar lebende Leichname an – True Blood calls!