Berlinaleblog

69. Berlinale, 7.-17. Februar 2019

Chinatag!

Los geht er mit Tui Na – einem Wettbewerbsbeitrag von Lou Ye über blinde MasseurInnen. Als ich vor vielen Jahren in China war, gab es in fast jedem Ort blinde Masseure auf den Straßen. Sie hatten einen kleinen Hocker bei sich, auf denen die Kundschaft Platz nahm, um sich meist Schultern und Nacken massieren zu lassen. Über zwanzig Jahre später arbeiten die Leute in einem Massageinstitut, werden von der Rezeption mit „Doktor Wang in Behandlungszimmer 1, Bett 3“ aufgerufen („Daifu“, sowas wie „Doktor“ – das ist aber nicht dasselbe wie „Yisheng“, Arzt, jemand, der oder die Medizin studiert hat), das von zwei Blinden geleitet wird. Die Köchin und die Rezeptionistin sind die einzigen Sehenden. Der Film folgt einzelnen Personen: dem jungen Xiao Ma, dem seine Familie jahrelang vorgelogen hat, der Verlust des Augenlichts sei temporär, dem Institutsleiter Sha Fuming, der der Schönheit auf der Spur ist, dem Paar, Wang und Kong, deren Eltern nie der Ehe mit einem ganz Blinden zustimmen würden, Du Hong, die schönste Frau am Institut, die mit Komplimenten zu ihrer Schönheit überhaupt nichts anfangen kann, und Jin Yan, die unbedingt die Liebe von Taihe erringen möchte. Es geht um Schönheit und die Möglichkeit, sie wahrzunehmen, um Pläne und Träume, Einsamkeit, das Leben. Am Ende zerfällt der Kosmos des Instituts und alle Personen gehen ihre eigenen Wege.

Dabei haben mir Kamera und Tonspur ausgesprochen gut gefallen. Geräusche sind wichtig, das Bild nimmt Details auf, der Fokus wandert, als wäre es schwierig, auf die wesentlichen Teile scharf zu stellen. Aus diesen Details müssen wir uns die Situation zusammen setzen – das ist ein bisschen anstrengend, wirkt aber, zumindest für mich als Sehende, als wäre die Technik der Wahrnehmung Blinder nachempfunden. Es gab übrigens keinen schriftlichen Vorspann, der Text wurde von der Sprecherin, die auch später aus dem Off kommentierte eingesprochen

Während des Films waren mir zu viele Geschichten drin. Zu viele Personen, unnötige Handlungsstränge – vor allem: müssen die in chinesischen Filmen immer so furchtbar explizit mit Blut rumspritzen? – und eigentlich halte ich 90 Minuten für eine ziemlich ideale Filmlänge. Je länger der Film aber nachwirkt, umso stimmiger scheint er mir doch mit all seinen Geschichten (aber das mit dem Blut spritzen hätten sie trotzdem weglassen können).

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