Berlinaleblog

68. Berlinale, 15.-25. Februar 2018

Eisenstein in Guanajuato

Eisenstein in Guanajuato ist eine Zeitreise mehrfacher Art zum Einen quasi zurück in die 80er zum Regisseur Peter Greenaway, mit seinen grossen Bildern in Duoton mit MinimalArt-Musik (eine Erwartung, die sich erfüllt) und dann noch weiter zurück die 30er (auch diese Erwartung erfüllt sich) und davor zum Filmregisseur Sergei Eisenstein, der sich 1930 nach Mexico aufmachte, um seinen dritten Film ‚Que viva Mexico‚ zu drehen, nach Streik (1925), Panzerkreuzer Potemkin (1925) und Oktober (1928). Er scheiterte an Verhandlungen mit einem amerikanischen Hollywoodproduzenten, an seiner Zeitplanung, am Geld aber nicht an einer neuen Liebesbeziehung mit einem mexikanischen Geliebten oder gar an sich selbst. Alles ist Revolution für ihn, dieses Mexico, und überhaupt, das Leben oder diese neue Liebe zu empfinden.

Die Stadt Guanajuato macht es allen Beteiligten und dem Zuschauer leicht, ist es doch eine der schönsten Städte Mexikos, eine Stadt mit Bergbaugeschichte, die das Glück hat, dass der Autoverkehr überwiegend unterirdisch im alten Stollensystem stattfinden kann, und das koloniale Stadtbild darüber frei von Blechmilben aka Autos ist. Der in Mexiko übliche Totenkult mit fröhlicher Haltung zum Tod hat in Guanajuato eine Ausweitung auf in den  Bergwerksstollen eingelagerte Mumien und Dummies derselben mit aufgemalten grafischen Skelettumrissen gefunden, was einen gelassenen Umgang mit dem Phänomen des Ablebens darstellen soll.

Ein grossartiger Film in einer tollen Umgebung gedreht, frei von allen widrigen Umständen, die man sonst so im Kopf haben könnte, zurück zu einem Leben, in dem man etwas Schönes erschaffen könnte, Menschen glücklich machen, frei sein, glücklich werden, Peng Peng, bis der Film zu Ende ist…

Für Eisenstein ging das Abenteuer in Guanajuato einen Film zu drehen nicht ganz so fröhlich aus. 1936 wurde Homosexualität in Russland zu einem Verbrechen erklärt und sein Film über Mexiko wurde beendet. Er blieb formal weiter Träger des Stalinpreises, bekam aber keine neuen Filmaufträge.

Exkurs: Eisenstein stammte aus einer gut gestellten Architekten-Familie und konnte es sich leisten, zur damaligen Zeit sowohl Europa als auch Amerika, Mexiko und auch Japan zu bereisen, und zur Not interessante Projekte auf eigene Kosten zu beginnen.

Notiz: Das staatliche russische Filmarchiv Gosfilmofond Russlands wollte im Jahr 2015 die Unterstützung für das Projekt von Peter Greenaway einstellen, wenn dieser nicht die Hinweise auf die Homosexualität Eisensteins aus dem Script streiche.

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