Berlinaleblog

69. Berlinale, 7.-17. Februar 2019

Kurzfilme II

Kurzfilme sind ja immer ein Strauss von Überraschungen und so war es auch dieses Jahr. Ich war im Programm II und gleich der erste Film war ganz grossartig. Man sieht eine Art Milchstrasse, und im Vordergrund einen vereisten Planeten: PLANET Σ , und macht sich auf Science-Fiction gefasst. Dann sieht man im Eis vermutlich eingefrorene Lebewesen, Insekten, die auftauen? Tatsächlich, das Eis taut, und die Insekten schütteln das Eis ab und fangen an zu fliegen aber wunderschön und harmlos! Wir sehen wunderbare Tropfen, messerscharf aufgenommen vor schwarzem Hintergrund, dann weiße Rauchblasen, die durch Wasser nach oben steigen und aufplatzen, jeder Fotograf wäre darauf neidisch, man fragt sich, über welches Polarmeer da wohl geflogen worden ist. Alles ganz friedlich, Insekten fallen zu Boden, Pilze wachsen mit lauten Geräuschen, man fühlt sich wie einem seltsam neuartigen Naturfilm. Wer Filme von sich in Zeitlupe schüttelnden nassen Hunden mag, sollte sich ansehen, wie dasselbe bei Bienen aussieht – bis auf den hier nicht zu erkennenden Gesichtsausdruck sehr sehr toll – nur sollte man etwas zu Trinken zur Hand haben, wenn man zuschaut.

Dann jedoch betritt nach dem Film eine Japanerin mit wuscheligen Haaren die Bühne und berichtet von toten Fliegen in ihrer Küche, und von Insekten und Köderlarven, die sie besorgt habe, da sie alles zuhause gedreht habe (auch wenn das vermutlich nicht ganz stimmt). Und da bleibt einem doch der Mund offen stehen! Man möchte es nochmal sehen, total unglaublich, dass man so etwas auf dem Küchentisch zaubern kann!

Ein anderer schöner Kurzfilm kommt aus Hamburg und dreht sich im wahrsten Sinne des Wortes um einen Musiker der auf der Strasse lebt. Oder irgendwie dreht sich seine Welt um ihn in seinem Kopf und er weiss nicht so recht, ob seine Stadt (Hamburg) eine Kugel ist, von der man herunter fallen könnte oder nicht, vielleicht auch weil er von zuhause rausgeflogen ist, und er seine Tochter nicht mehr sehen darf, und sein Klavier nicht mehr spielen darf. Ein eindrücklich gemachter Film in der Überlagerung gezeichneter, animierter und realer Szenen und mit stimmiger Musik, sehr preisverdächtig nach Reaktion des Publikums.

Dann noch ein zu vergessender Film über eine von Nord- nach Südkorea geflohene Frau, in Schattenspiel-Manier vor Postkartenbildern mit südkoreanischen-Propagandatexten, brr. Wie gesagt, ein Strauss von Überraschungen.

Am Ende noch ein amerikanischer und leider nicht ganz so kurzer Film, aus dem ich raus gegangen bin, wenn es geholfen hätte auch mit Protest, aber wer hätte denn auf Rufe gehört? Sich mehrere Minuten lang anschauen zu müssen, wie einer von acht Menschen im Kreis erst  ein Thema wie „ich habe noch nie einen toten Menschen gesehen“ oder „ich habe noch nie den Irak-Krieg verstanden“ oder „ich habe zu viel masturbiert“ ansagt und dann alle 20 bis 30 Sekunden dazu tanzen, das ist reine Folter. Ach so, Folter ist in Amerika ja inzwischen ein Staatsziel, na dann hätte ich vermutlich bleiben müssen. Ich nehme ich Kauf, dagegen zu verstossen und schlafe lieber ein bisschen eher und schreibe vorher diese Zeilen, bis hierher.

Zusatzinformation: Die Künstlerin hat eine eigene Website http://www.setomomoko.org/main.html unter PLANETS – PLANET ∑ kann mann dort Stills von den Insekten und auch von den Pilzen sehen. Bei ihren beiden anderen Planets-Projekten gibt es auf dieser Website Trailer zu sehen (lohnt sich anzuschauen, ist leider nur imFlash-Format verfügbar), hoffentlich wird das nach der Berlinale auch für PLANET ∑ der Fall sein. Noch besser wäre es natürlich, wenn daraus ein richtiger Film würde, es ist absolut sehenswert.

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