Berlinaleblog

67. Berlinale, 9.-19. Februar 2017

Ten no chasuke

SABU hat der Berlinale wieder mal einen formal und inhaltlich experimentellen Film gebracht: Ten no chasuke. Doch Gemach, es folgen keine wirklich ausgeflippten Bilder, denn es ist ein japanischer Regisseur, von dem wir in anderen Jahren unter anderem bereits einen Film gesehen haben, in dem ein Protagonist scheinbar unbeteiligt durch die Zeit, das Leben und eine Stadt lief und danach durch diese wieder zurück. In jenem Film war eine Beteiligung des Protagonisten am Leben zu erahnen. Sehr gute Ironie.

Mit Ten no chasuke wagt sich SABU auf, sagen wir mal, vermintes Terrain: er setzt an, eine Satire aufzubauen, aus christlichen Wertevorstellungen,  Schicksalsglauben und männerbündischen Ehrencodices der Yakuzas. Er lässt die Geschichte im Jenseits beginnen, aus dem das Diesseits nicht nur beobachtet wird, sondern in dem auch die Drehbücher für die Abläufe, die stattfinden werden, im Groben vorgezeichnet werden. Wie alle Drehbuchschreiber, so die Geschichte, gibt es auch hier einen, der sich in eine seiner Figuren (Yuri) verliebt hat, und diese wird durch einen Autounfall sterben. Er sucht jemand, der sie retten könnte, wenn er zur richtigen Zeit am richtigen Ort wäre, damit er das, wie er sagt: schlechte Drehbuch eines Kollegen durchkreuzt.

Neben bzw. unter den Drehbuchschreibern gibt es auch noch Teebringer, was sie, wenn ich das richtig interpretiert habe, gleichzeitig in die Nähe einer unteren Stufe der Yakuza-Hierarchie bringt.  Die Drehbücher schreiben sie für „the man“, was eine Persiflage auf Gott sein muss, der irgendwann auch mal als solcher genannt wird, aber SABU ist zu sehr ein Schelm, um sich dieser Vorstellungswelt zu weit anzubiedern. Der Plan, Yuri zu retten, wird diskutiert, und es wird nach Avant-Garde gerufen, obwohl keiner genau weiss, was das sein soll. Chasuke als Teebringer wird gefunden und da auch er Yuri gut findet kann er leicht überredet werden, Yuri zu retten. Bei dieser Aktion wird er sich der Hilfe verschiedener Personen sicher sein, die hilfreiche Drehbuchschreiber in ihre Geschichten geschrieben haben. Es ist eine der Qualitäten dieses Filmes, das sehr viele Personen bei ihrem ersten Auftreten mit ihren Geschichten en passant vorgestellt werden, mit grosser Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, wie sie in konventionellen Erzählschemata keinen Platz gehabt hätte. So entstehen schnell grosse Personengruppen, etwa wenn ein Barbetreiber kurzerhand zehn Väter ob seiner ungeklärten Empfängnis hat, und diese ihm zu einem guten Start ins Leben verholfen haben.

Es gelingt, Yuri rechtzeitig zu finden und zu Boden zu werfen, Chasuke hebt sie  wieder auf, in diesem Moment kommt das Auto (nach Drehbuchskript) und überfährt sie beide. Chasuke, anscheinend unsterblich, ist wohl eine Art Engel. Er erweckt Yuri wieder zum Leben  und entdeckt, dass er Menschen heilen kann. Chasuke muss dafür aber unter einer schlagartig wachsenden Berühmtheit leiden. Hier fehlt noch eine zynische Brechung der Erlöserfigur, Herr SABU. Da sein Körper zwischendurch tot war, hat er ab diesem Moment einen tätowierten Körper aus einem früheren Leben als Yakuza.

Zum Einen könnte der Film jetzt eine Screwball-Comedy werden, und das beginnt ein Stück weit auch, zum Anderen sorgt sich da jemand aka the Man aka Gott darum, was passiert, wenn ein Teebringer aka ein Drehbuchschreiber die Ordnung der Welt aka das Schicksal durcheinanderbringt. Dann wird die Ordnungsmacht aka die Polizei (in Gestalt einer einzigen weiss geschminkten Person) aka die Yakuza aktiv und räumt auf. Peng Peng, Film aus. Und die Moral von der Geschicht‘: zum Glück keine. Subtext: Engel und Yakuzas sind in der gleichen Liga oder: alle Engel aka Teebringer waren zuvor vielleicht schon einmal Yakuzas, Schicksal ist Einbildung, aber starke Einbildung kann auch Wirkungen zeigen.

Ein gelungenes Manifest gegen schlechte Drehbücher, ein mutiger Versuch auf vermintem Terrain (religiöser Gefühle) spazieren zu gehen, im Ergebnis aber noch nicht ganz schlüssig. Mir fehlt ein letzter Stein, der sagt, ob und wie das Leben nach Drehbüchern weitergehen kann. Oder ob eine Botschaft dieses Film sein soll, dass die Drehbuchschreiber sich erst mal lange hinsetzen müssen, und noch viel Tee trinken sollten?

2 Kommentare

  1. ulla

    Sehr schön beschreiben, vielen Dank! Wie bei allen Deinen Beschreibungen (außer Dari Marusan 🙂 habe ich sofort das Bedürfnis, den Film zu sehen. Und das Manifest gegen schlechte Drehbücher unterschreibe ich sofort!

  2. micha

    Finde ich auch: toll beschrieben. Mir hat der Film auch gefallen – aber nicht ganz bis zum Schluss. Ich finde, dass er sich irgendwann ein bisschen verfranst und nicht so genau weiß, was er mit seinen vielen sorgfältig aufgedröselten losen Enden anfangen soll: der Heilkraft des Teeservierers, den Yakuza, der Stummheit von Yuri – da kommt dann *ZACK* ein „alles wird gut“. Das war mir doch zu unvermittelt – jedenfalls kein besonders raffiniertes Drehbuch. Aber vielleicht war das ja eine der Botschaften: Drehbuch? Wer braucht denn sowas?