Berlinaleblog

69. Berlinale, 7.-17. Februar 2019

Alles ein großes Gemauschel

The Lovers and the Despot erzählt die hanebüchene Geschichte des südkoreanischen Film-Traumpaars Shin Sang-ok (Regisseur) und Choi Eun-hee (Schauspielerin). Sie wurden unabhängig von einander Mitte der 70er Jahre vom nordkoreanischen Großen Führer Kim Jong-Il entführt (?!?), mit dem Ziel, die bis dato dröge Filmproduktion Nordkoreas international konkurrenzfähig zu machen. Sie wurden zunächst einige Jahre einfach in Nordkorea festgehalten, dann sollten/mussten/durften sie gemeinsam in knapp 3 Jahren 17 Filme drehen, mit aller denkbaren Unterstützung von Kim Jong-Il, reisten damit dann auch zu ausländischen Festivals. Und bei einer dieser Gelegenheiten setzten sie sich dann in Wien in die amerikanische Botschaft ab und beantragten 1986 dort Asyl.

Soweit das, was von der Geschichte einigermaßen konsensfähig scheint. Bei der Wahl der Hilfsverben wird schon klar, dass sich hier durchweg Fakten und Erzählungen, Erinnerung und Ver- oder Er-Klärung, östliche und westliche Geheimdienststatements aufs Undurchdringlichste vermischen. Das ist ja nichts Außergewöhnliches und sicher auch unvermeidlich. Denn hier wurden zwei zu diesem Zeitpunkt längst geschiedenen und weitgehend bankrotten Filmleuten auf einmal die gesamten Filmproduktionskräfte einer Nation plus das – gefährliche – Wohlwollen ihres Diktators  zu Füßen gelegt – das bedeutet, dass hier genauso viel Versuchung wie Zwang im Spiel ist. Trotz dieser ganzen Grauzonen – oder besser: genau wegen ihnen – könnte daraus ein toller, vielschichtiger Film werden. Ich glaube (und das habe ich als Dok-Fan noch nie gesagt): diese Geschichte wäre als Spielfilm besser geeignet.

Was nämlich passiert in dieser „Doku“ ist Folgendes: es gibt

  • historische Spielfilmszenen (aus den Filmen der Beiden, aber auch aus vielen anderen Filmen)
  • historisches Filmmaterial (Footage) aus Südkorea, Nordkorea und dem Westen
  • aktuelle Spielszenen, die einzelne Episoden der Geschichte nachstellen und die (!!!) mit einem „70er-Jahre-Filter“ bearbeitet wurden (wie bei unseren Foto-Apps),  die also fürs ungeübte Auge von Originalmaterial aus den 70ern nur schwer zu unterscheiden sind, und
  • aktuelles Dokfilmmaterial, das teilweise genauso bearbeitet wurde.

Und all diese unterschiedlichen Bestandteile (Fiktion neu, Fiktion alt, Dok neu, Dok alt, Nord, Süd…) werden permanent ohne Unterschied zusammengeschnitten. (Und filmisch noch nicht mal interessant – es werden immer genau die Aussagen bebildert, die gerade im Text erzählt werden.) Das führt dazu, dass man irgendwann überhaupt nicht mehr weiß, was man da jetzt eigentlich gerade sieht. Das geht nicht! (Sicherheitshalber hat mein Gehirn irgendwann auf „alles nur gespielt“ umgestellt.)

Ich finde das sehr ärgerlich. Es heißt nämlich

a) die Filmemacher glauben, wir merken das nicht ODER
b) die Filmemacher glauben, es ist uns egal, was wer sagt und was (nach-)gespielt ist und was nicht ODER
c) die Filmemacher haben selbst keinerlei diesbezügliches Problembewusstsein

Obwohl es schwer zu glauben ist, vermute ich nach der Diskussion Option c): null Problembewußtsein. Die beiden Regisseure waren einfach ein bisschen einfach. Beim Medienkompetenztest sind die damals sicher durchgefallen. Dafür spricht auch, dass weder die Archivleute, noch die Urheber der verwendeten Filmschnipsel im Abspann auftauchen. Wenn man schon nicht die hellsten Regisseure hat, dann sollte man wenigstens intelligente Produzenten haben.

Insgesamt finde ich das alles an der Grenze der Redlichkeit.

Ein einziges großes Gemauschel halt.

Ein Kommentar

  1. micha

    Genau so war’s! Und irgendwie war diese völlig beliebige Illustration leider auch ein bisschen langweilig.