Berlinaleblog

68. Berlinale, 15.-25. Februar 2018

Anders als die Anderen

Von diesem Film, dem ersten überhaupt, der sich 1919 explizit mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzte, hatte ich schon viel gelesen. Am Sonntag gab es die Gelegenheit, eine neu restaurierte englische  Fassung zu sehen – prima! Dass Magnus Hirschfeld in dem Film persönlich auftritt, macht ihn zusätzlich interessant.

Der freundliche Herr sagte in der Einführung, dass es zwischen der deutschen Revolution 1919 und der Wiederherstellung einer gewissen „Ordnung“ im Lauf des Jahres 1920 eine kurze Zeitspanne gab, in der in Deutschland keine Zensurgesetzgebung in Kraft war. Diesen Umstand machte sich der Regisseur Richard Oswald zu Nutze, um einige Filme zu verschiedenen „heiklen“ Themen zu drehen, wie Prostitution, Abtreibung und hier eben Homosexualität .

Die Story geht so, dass ein schwuler Violinist von einem schmierigen Typen erpresst wird (interessanterweise ist dieser selbst auch in der Schwulenszene zugange); als es zu schlimm wird, geht er zur Polizei und zeigt ihn und damit auch sich selbst an. Das Gericht verurteilt den widerlichen Erpresser zu 3 Jahren Zwangsarbeit. Den Violinisten spricht der Richter explizit moralisch frei, aber da Homosexualität strafbar ist (tatsächlich war es zu dieser Zeit schon §175), muss er auch ihn bestrafen. Die eine Woche Gefängnis hört sich nach nicht viel an, aber der Ruf ist ruiniert und die Karriere damit auch, und am Schluss reiht er sich in die lange Prozession der Männer ein, die sich aus Verzweiflung das Leben nehmen.

Von dem Film sind nur ca. drei Viertel erhalten geblieben, der Rest wird mit Titeln nacherzählt. Er hat eine eindeutig aufklärende Mission, es gibt mehrere Szenen, in denen den Filmpersonen und dem Publikum ausführlich erklärt wird, dass Homosexualität keine Krankheit und somit auch nicht heilbar, aber auch nichts Schlimmes ist („Eine Variation der Natur“). Einen dieser Vorträge hält Magnus Hirschfeld, ein pummeliger Herr mit feschem Schnurrbart.

Filmisch besonders interessant waren die Einstellungen, die in „der Szene“ der 1910er Jahre spielen, da gibt es im Hintergrund vielerlei queere Gestalten zu sehen. Die Szenen mit dem Erpresser empören einen auch mit fast 100 Jahren Abstand noch, er ist wirklich widerlich und unverschämt. Dass Conrad Veidt die Hauptrolle spielt, hat mich etwas erstaunt, aber es war am Anfang seiner Karriere. Wenn ich es recht verstehe, war er auch insgesamt moralisch ziemlich rechtschaffen, ein entschiedener Nazi-Gegner. Umso lobenswerter, als persönliche Motive wohl keine Rolle spielten, er war dreimal verheiratet.

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