Berlinaleblog

69. Berlinale, 7.-17. Februar 2019

Time Was Endless

Antes o tempo não acabava (Time Was Endless) fängt großartig an: da werden Palmblätter geflochten, eine seltsame Brühe aus Kräutern und Ameisen gebraut – ein Mann sagt, dass die Ameisen schlafen. Sie werden dann kunstvoll in das Geflecht eingeklemmt und eine äußere Hülle drüber gestülpt. Alle Anwesenden haben sich mit schwarzer Farbe den Oberkörper bemalt, das sieht aus wie T-Shirts mit großem V-Ausschnitt. Es wird getanzt und gesungen, Jungs von ungefähr fünfzehn Jahren müssen die Hände in die Hüllen stecken, werden untergehakt und tanzen mit den anderen. Offensichtlich sind die eingeklemmten Ameisen wieder aufgewacht, denn die Gesichter der Jungs sind schmerzverzerrt. Aha, ein Initiationsritus.

Einer davon ist Anderson, der später mit seiner Schwester in der Stadt lebt. Er arbeitet in einer Fabrik, wo er Geräte zusammensteckt, später als Friseur. Die Schwester hat eine behinderte Tochter und klagt, dass „sie“ sie ihr wegnehmen und opfern wollen. Ich bin völlig schockiert, dass dann tatsächlich passiert, und das kleine Mädchen vom Schamanen lebend begraben wird, während die Mutter weint, schreit, sich zu wehren versucht, und von Anderson nur festgehalten wird. Während des Films hat mich die Szene gestört, aber ich habe noch nicht verstanden, weshalb, das wurde mir erst in der Q&A klar (s. u.). Der Film geht weiter, Anderson schreit und randaliert im Wald gegen die Tradition, er beantragt auf dem Amt einen „weißen Namen“, er lernt einen Bootsmann kennen, mit dem er Sex im Boot hat und eine hübsche weiße Frau mit Locken, die für eine Kooperative arbeitet, er zieht durch Clubs. Es wird erwähnt, warum er keine NGOs mag (weil eine seinen Stamm übel übervorteilt hat). Die Schamanen bereiten wieder ein Ameisenritual vor, sie lauern Anderson auf überwältigen ihn und zwingen ihm das Ritual noch einmal auf, weil es beim ersten Mal nicht funktioniert habe – wieso eigentlich? Weil er einen weißen Namen beantrag hat? Mir ist nicht klar, was ihnen an ihm nicht passt. Am Ende stehen der Bootsmann, die Frau und Anderson auf dem Boot mitten im Fluss und schreien Echos. Das ist ein guter Schluss.

Der Film hat starke Bilder, der Soundtrack ist eine interessante Mischung aus traditionellen Gesängen (zum Teil von einer CD, die einer der Regisseure in Berlin im Ethnologischen Museum gefunden hat) und elektronischer Musik oder harten Rockkonzerten. Aber, was mir außerordentlich missfallen hat: die Regisseure berichten, dass in ihrem Film die Rituale verschiedener Stämme (ist das die korrekte Bezeichnung?) vorkommen, die hier für die Geschichte mal ein bisschen gemixt wurden. Das finde ich voyeuristisch und nicht korrekt. Ganz besonders einen Mord an einem behinderten Kind zu zeigen und sich dann darauf rauszureden, nicht „judgmental“ zu sein und außerdem kein Anthropologe, ist sehr seltsam. Ich denke nicht, dass es möglich ist „traditional harmful practices“ neutral und „einfach so“ darzustellen, ohne Rücksicht darauf, welches Bild von den Dargestellten damit transportiert wird.

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