Berlinaleblog

68. Berlinale, 15.-25. Februar 2018

Valderama – und Iran, Müsterium

Gestern nachmittag gab es quasi das fiktionale Gegenstück zu „Starless Dreams“ (Royahaye Dame Sobh), den Film über die inhaftierten Mädels, den Uta schon so schön besprochen hat. Dieser Iran wird mir immer unverständlicher. Bis vor kurzer Zeit hieß es, die dürfen dort nur moralisch genehme Filme drehen. Dann gibt es Berufsverbot für Herrn Pahani und er muss seine Filme quasi zuhause und geheim drehen, und im Taxi-Film bekamen wir auch noch die Belehrung, wie ein guter iranischer Film offiziell zu sein hat. Und dieses Jahr gibt es dann eben mal zwei Filme, die aus meiner Sicht ziemlich unerwartete / schockierende Dinge über die iranische Gesellschaft recht schonungslos zeigen, und zwar ganz ohne moralische Überheblichkeit. Wie kann das sein? Ich komme da nicht mit. „Starless Dreams“ wurde in einem Mädchen-Gefängnis/Korrekturanstalt gedreht, das kann unmöglich ohne Genehmigung der Behörden passiert sein. (Wahrscheinlich gilt immer noch der Spruch, der vor ein paar Jahren mal in dem Film über das deutsch-iranische Frauenfussballturnier gefallen ist: „Im Iran ist alles möglich und alles unmöglich.“)

Jedenfalls: „Valderama“ zeigt uns fiktionalisiert das Leben eines der Kinder, die wir in „Starless Dreams“ dokumentarisch in der Mädchenanstalt kennengelernt haben. Valderama ist ein 15-jähriger Junge mit einem voluminösen blonden Afro (!), der sich ganz ohne Familie in der iranischen Provinz durchschlägt. Er arbeitet in einer Shisha-Bar, kann nicht zur Schule gehen und muss vom jovialen Boss eklige Demütigungen hinnehmen (z.B. wettet die Provinz-Schickeria darauf, ob er es schafft, drei Minuten lang mit Klebeband zugeklebtem Mund eine Art wilden Bauchtanz zu tanzen. Wirklich bitter).  Er ist quasi ein Kind ohne Namen: Valderama ist ein kolumbianischer Fußballspieler, den richtigen Namen kennt keiner, sein Alter auch nicht, und er hat nicht mal Fingerabdrücke – die sind ihm bei einem früheren Job in einer Batterienfabrik abhanden gekommen. Nachdem ihm mal die Sicherung durchgebrannt ist, muss er sich nach Teheran absetzen und schlägt sich da als fliegender Sockenverkäufer durch. Vieles von dem, was die Mädels im Knast erzählt haben, kommt in Valderamas Geschichte vor: arbeitende Kinder, gewalttätige Väter, Diebstahl, Alkoholbrennerei und Dealerei, Opium, Crack, Crystal Meth, drogensüchtige Mütter, die sich neben ihrem Baby eine Überdosis geben, und am Schluss wird sogar das jetzt mutterlose Baby verkauft (für 3 Mio Riad, das sind laut Onda 89,1098 Euro).

Das klingt jetzt alles schlimm, aber es ist nicht unerträglich, denn Valderama hat irgendwie so eine Unschuld an sich, der man in all dem Mist gut zuschauen kann, und er lernt auch ein pfiffiges Mädchen kennen, das ihm hilft, und das man auch gern anschaut. Kurzerhand klaut er am Ende das bereits verkaufte Baby mitsamt Verkaufserlös und gibt es bei Leuten ab, die ihm helfen können. Und zum Preis des Babies und seines blonden Haarschopfes kann er sich endlich eine Identität in Form eines Personalausweises kaufen, und damit die Chance auf eine bessere Zukunft.

Das ist ein sehr ausgedachter, sehr realistischer Film, und ich bin froh und immer noch erstaunt, ihn gesehen zu haben, ebenso wie „Starless Dreams“. Beide Filme sagen insgesamt a) es gibt beträchtliche Drogen-, Gewalt- und Kriminalitätsprobleme im Iran und b) dies kann in Filmen differenziert behandelt werden. Über die Möglichkeit, dass ein paar dieser 17-jährigen Mädels  tatsächlich erhängt werden könnten, denke ich noch ziemlich viel nach.

Im Stuxnet-Film heute kam der Iran auch vor, und diesmal so wie wir ihn mal kannten: als der Schurkenstaat, Atomwaffenaspirant, Cyberwar-Angriffsziel und Fanatikerland.

Also Leute, das ist jetzt rum: spätestens nach diesen beiden klugen, schönen Filmen über geplagte und geschädigte Jugendliche kann ich den Iran nie wieder als reinen Schurkenstaat sehen. Da können die Landesfürsten jetzt machen was sie wollen.

Danke, Berlinale.

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