Berlinaleblog

67. Berlinale, 9.-19. Februar 2017

1945

1945 von Ferenc Török spielt im August 1945. Im Radio wird in den Nachrichten über den Abwurf der zweiten Atombombe auf Japan berichtet. Der Bürgermeister und Drogeriebesitzer rasiert sich (warum müssen sich im Film eigentlich immer alle schneiden, wenn sie sich mit einem Rasiermesser rasieren?). Ein Zug kommt an, zwei Männer steigen aus – Juden, Holocaustüberlebende, ein alter und ein junger Mann in Schwarz – der Stationsvorsteher weiß sofort Bescheid: „Sie sind wieder da.“ Aber was wollen sie?

Die Männer haben zwei große Truhen dabei, die sie vom Kutscher ins Dorf fahren lassen. Langsam, denn die beiden gehen zu Fuß hinterher. Der Stationsvorsteher radelt voraus – um wen zu warnen? Und wovor?

Im Dorf wird eine Hochzeit vorbereitet. Dass es nicht gerade eine Liebesheirat ist, wird schnell deutlich, denn die Braut liebt einen anderen, der Kommunist geworden ist und sich mit den im Jeep herumkurvenden russischen Soldaten gut stellt. Es ist zwar noch schnell Zeit für Sex, aber der Bräutigam ist schließlich der Erbe der Drogerie. Die Braut versichert seiner Mutter, ihn sicher bald zu lieben. Während die Fremden immer näher kommen, nimmt unter den Dorfbewohnern die Aufregung zu: Wer hat damals wen verraten? Und mit welchen Motiven? Wer hat das Versprechen ein Kind zu retten nicht gehalten? Wem wurden Häuser überschrieben? Und wäre es legitim, ein „legal“ überschriebenes Haus zu behalten, wenn man die noch vorhandenen Gegenständi den rechtmäßigen zurück gibt? Wer hat hier überhaupt ein Gewissen, und wie kann man an diesem Ort weiter leben, wenn man eines hat? All dies wird in schönen schwarzweißen Bildern nach und nach entwickelt.

Als sich herausstellt, warum die Fremden eigentlich gekommen sind, ist längst klar geworden, dass es gar nicht Ansprüche von außen sind, die dazu führen, dass Fragen nach den Verstrickungen in Verrat, Enteignung und Deportation der ehemaligen Nachbarn offen ausgesprochen werden. Es wissen sowieso alle über alles Bescheid und haben bisher einvernehmlich geschwiegen. Es ist die Angst vor diesen Ansprüchen, die einen kurzen Moment der Klarheit ermöglicht. Aber wenn der Nachmittagszug abgefahren ist und eine Beerdigung stattgefunden hat, wird wahrscheinlich auch das Schweigen wieder einkehren.

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