Berlinaleblog

67. Berlinale, 9.-19. Februar 2017

Ciao Ciao – das Grauen wohnt auf dem Land

Ein Zug fährt durch eine schöne Landschaft in Yunnan – die Erde ist rot, die üppigen Pflanzen sind grün, und das sind auch die immer wieder bedeutungsschwer eingesetzten Farben in Ciao Ciao von Song Chuan. Ciao Ciao (巧 巧 – müsste eigentlich in Hanyu Pinyin mit Q geschrieben werden und bedeutet „geschickt“) ist eine junge Frau, die aus Kanton aufs Land zu ihren Eltern zurückkehrt. Eigentlich will sie da so schnell wie möglich wieder weg. 

Ihr Vater bringt überhaupt nichts zustande und verlangt ständig, dass sie sich – da er keinen Sohn hat – um ihre Eltern kümmern müsse. Er selbst verbrät das Geld, das die Mutter mit ihrem Kiosk verdient, für fragwürdige Heilmittel, braut auch schon mal selber Schlangenschnaps – und nach einem tüchtigen Schluck aus der großen Pulle wirft er sehr selbstgewisse Blicke in Richtung seiner Gattin. Die ignoriert ihn weitgehend. Sie macht den meisten Umsatz mit dem gefälschten Maisschnaps aus der Brennerei von Herrn Li, mit dem sie auch ein Verhältnis hat. Da der Schnapsbrenner ständig Polizei und Bürgermeister besticht, hofft, er vor Razzien rechtzeitig gewarnt zu werden. Sein Hallodri-Sohn fährt seinen Schnaps aus und verspielt dann die Einnahmen, so dass der Vater Polizisten Zigaretten anbieten muss, damit sie den Sprössling laufen lassen. Mit dem nichtsnutzigen Sohn fängt Qiao Qiao bald eine eher unerfreuliche Beziehung an. Andererseits findet sie auch den Frisör, der angeblich auch schon in Kanton war, ganz attraktiv.

Soweit die Ausgangslage. Zwar hat der Film ein paar nette Einfälle (die Schlangenjagd und -verarbeitung, die Verabschiedung der Landflüchtigen durch den Bürgermeister und die schreckliche Schulkapelle) und die Farben und die Landschaft sind sehr schön anzusehen. Leider sind die Protagonisten allesamt reichlich unsympathisch (ok, der Friseur geht). Qiao Qiao stolpert mit ihren hässlichen Schlappen mit hohem Blockabsatz durch Reisfelder und über Hügel, tauscht Sprachnachrichten mit ihrer Freundin in Kanton aus, fährt beim Hallodri auf dem Moped mit und guckt hauptsächlich genervt. Es macht keinen Spaß, ihr dabei zuzusehen, und die Verwicklungen, in die sie sich hineinmanövriert, sind nur mit sehr viel gutem Willen nachzuvollziehen.

Natürlich wissen wir, dass das Grauen auf dem Land lebt, und dass widrige Lebensumstände oder einfach nur unerträgliche Langeweile nicht gut für die Charakterbildung sind. Aber müssen denn alle so schrecklich unangenehm sein? Am Ende fährt der Zug in die andere Richtung durchs Tal, und der Film ist aus. Der Regisseur Song Chuan gesteht im Anschluss ebenfalls aus Yunnan vom Land zu kommen und in die Stadt geflüchtet zu sein. Vermutlich fand er es wirklich so furchtbar dort.

2 Kommentare

  1. Danke, ich habe gestern sehr gelitten, als ich den Film sah. Ob die Figuren symathisch sind, ist mir nicht so wichtig, aber sie sind einfach unglaubwürdig. Ciaociao kann einfach keine Gefühle spielen, nicht einmal, dass sie keine Gefühle zeigen kann, kann sie spielen. Li Wei ist ja noch ein armer junger Mann, der um die Vorzeige-Frau kämpft, aber sonst kümmert sich in dem Film keiner um ein schöneres Leben. Wie langweilig!

  2. Ein Kommentar dem ich zum großen Teil zustimmen kann. Schön anzusehende Aufnahmen mit einer, wie mir scheint, unausgegorenen Story. Was mich vor allem irritiert hat ist, dass kein schlüssiger Handlungsstrang erkennbar war. Dabei war es für mich weniger der Tatsache geschuldet, dass „巧巧“ sich völlig irrational Verhält und sich mit ihrer Langeweile bzw. gespielten Coolness in eine von vornherein zum Scheitern verurteilte Situation hineinmanövriert (das soll es auch im realen Leben geben). Vielmehr wurden viele Problemfelder der modernen chinesischen Gesellschaft nur derart oberflächlich angerissen, dass die Geschichte auch insgesamt nur sehr oberflächlich blieb. Zu nennen wäre da die Erwartungshaltung der Eltern/Vaters (finanzielle Absicherung durch die Kinder), Korruption/Vetternwirtschaft, Gewalt, Prostitution (ist in China verboten, im Film aber allgegenwärtig), Glücksspiel, Diskrepanz Stadt/Land, Bigotterie usw.. Allesamt Konfliktfelder innerhalb der modernen chinesischen Gesellschaft, die es gelohnt hätte tiefergehend zu beleuchten bzw. auszuarbeiten. Die sehr wenigen Dialoge sowie das durch und durch unsympathische und teilweise vom „gesunden Menschenverstand“ entkoppelte Verhalten der Hauptcharaktere (ja, der Friseur schien der einzige „Normalo“ zu sein), machten das Ganze, bis auf die Bilder, im Endeffekt leider zu einer in jeder Hinsicht schwer verdaulichen Kost. Auch der sehr gewöhnungsbedürftige Soundtrack half hier nicht wirklich weiter. Vielleicht habe ich auch die Genialität des Ganzen nicht verstanden, allerdings hoffe ich doch insgeheim, dass dies nicht die Zukunft des chinesischen Autorenkinos ist. Als großer Bewunderer der Arbeiten Jia Zhangkes lege ich die Messlatte vielleicht auch zu hoch an.