Berlinaleblog

68. Berlinale, 15.-25. Februar 2018

Zwei Filme über Familien-Zusammenhalt als Berlinale-Auftakt 2017

… und über Themen, über die ich bisher wenig wusste oder mir wenig Gedanken gemacht habe:

Belinda ist die Protagonistin eines Dokumentarfilmes, der Erwachsenwerden und Liebesbeziehung der Protagonistin begleitet, die in Kinderheimen aufwächst; mit Verwandten, die im Knast sitzen, Drogenprobleme haben oder kaum die Miete aufbringen können; die gegen ihren Willen von ihrem Vormund von ihrer Schwester getrennt wird und sich trotzdem anscheinend nicht von ihm hintergangen fühlt. Auch die Eltern, zu denen sie trotz allem eine innige und liebevolle Beziehung hat, haben eine tiefe Zuneigung und Verehrung zum Vormund Herrn Germsheimer aufgebaut. Immer wieder erlebt man Handytelefonate mit ihm mit, die ganz herzlich und zugewandt sind, einmal bedankt sich der Vater: sie haben meine Kinder aufgezogen.

Erst nach und nach schiebt sich ein Aspekt in den Film, der zum Ansatzpunkt für den ungewöhnlichen Zusammenhalt, die tiefe emotionale Bindung und die große Treue der gezeigten Personen zeitgleich mit ihren sozialen Problemen wird: wir erhalten Einblick in eine jenische Familie. Familienmitglieder wurden in Konzentrationslagern interniert, in Euthanasieprogrammen systhematisch ermordet, Kinder bis in die 70er Jahre hinein von den Familien getrennt und zur Adoption freigegeben, allen Formen der Kriminalisierung und Asozialisierung ausgesetzt, die Nicht-Sesshaften in Europa in den letzten 200 Jahren widerfuhren.

Der Regisseurin Marie Dumora begleitet Belinda und ihre Familie sichtbar über lange Zeit und dreht wohl all ihre Filme, für die sie schon etliche Preise erhalten hat, mit unterschiedlichen Sujets in einem einzigen überschaubaren Umkreis im Elsass im Osten Frankreichs. Die Ortskenntnis, die Zugewandtheit zum Alltag der Menschen, die genaue Beobachtung ihrer Kraft und Herzlichkeit machen diesen stillen Film anrührend und besonders.

Filmtier? Durch einen Zaun wird ein Hund gestreichelt…

Im Sommer, auf katalan: Estiu 1993 muss die sechsjährige Frida den Wechsel in die Familie des Bruders ihrer Mutter bewältigen, nachdem diese gestorben ist. Auch ihr Vater ist schon tot. Wir erfahren in Bildern, die ganz anrührend die Perspektive des Kindes einfangen, wie schwierig das für alle Beteiligten ist, die  liebevoll und herzlich miteinander sind und sich auf ihre Familienbande verlassen können und doch alle mit ihren Gefühlen klarkommen müssen, der Schrecklichkeit einer solchen Situation und manchmal nicht lösbaren Schwierigkeiten.

Im anschliessenden Filmgespräch – das wieder einmal ganz klar macht, warum Berlinale soviel toller und ganz anders ist als nur ins Kino zu gehen – berichtet die junge Regisseurin Carla Simón darüber, dass es in weiten Teilen ihre eigene Geschichte ist, die sie verfilmt hat. Der Film stellt gerade aus diesem Kontext heraus vor, was die „Kunst“ ist in Literatur, Musik, Bildender Kunst, Theater, Film, Fotografie usw: eine Verdichtung und Intensität, mehr als autobiografische Sachinformation, die Einfühlen ermöglicht, Anteilnahme, eine andere Sichtweise. Auch die wichtige Rolle von Script-Labs oder Veranstaltungen wie Berlinale Talent Campus werden ganz deutlich. Und die mitspielenden Kinder, insbesondere die Jüngste, sind die eigentlich Stars des Gespräches und des Geschehens und spiegeln das vorher Gesehene: innerhalb von Sekunden haben Erwachsene ihre Anwesenheit ausgeblendet und reden „über ihre Köpfe hinweg“. Aber so ist es halt!

Filmtier? Eine zentrale Rolle spielt ein Hühnerstall.

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