Berlinaleblog

68. Berlinale, 15.-25. Februar 2018

Ága – Yakutien im Schnee

Die erste Einstellung in Ága von Milko Lazarov bekommt im Haus der Berliner Festspiele spontanen Szenenapplaus, so schön ist sie: eine alte Frau in bunter Tracht mit knallrotem Lippenstift spielt minutenlang auf einer Maultrommel. Sie erzeugt die wundersamsten und unterschiedlichsten Töne, so etwas habe ich noch nie gehört (hier gibt’s ein Beispiel). Die Musikerin hat leider mit dem Film sonst nichts mehr zu tun, aber danach sind alle auf ferne Lande eingestimmt.

Es ist Winter in Yakutien. Ein altes Ehepaar lebt abgeschieden in einer Jurte, sie haben einen Hund, früher gab es wohl mal Rentiere. Damals ging es Ihnen gut, sagt die Frau. Der Mann hackt ein schönes rundes Loch ins Eis des Flusses, angelt, fährt große Eisblöcke auf dem Schlitten nach Hause, mit denen die Spannseile an der Jurte beschwert werden. Sie essen Fisch und trinken dazu das Wasser, in dem er gekocht wurde, sie reden über alte Zeiten, und irgendwann kommt die Frau auf ihre Tochter Ága zu sprechen, die weggegangen ist, nachdem sie etwas unverzeihliches gemacht hat. Sie würde sie gerne noch einmal sehen, doch ihr Mann ist auf dem Ohr erstmal ziemlich taub.

Es gibt unheilvolle Zeichen: Raben, die zu früh für die Jahreszeit sind, von Raben angepickte tote, kleine Tiere, ein Schneehase und ein kleiner Polarfuchs. In der Ferne ist ein Rentier zu sehen, es scheint dem alten Mann zu folgen. Die Aufnahmen sind unglaublich schön, egal, ob der Schlitten in der Ferne einmal quer durchs Bild fährt, oder die Verrichtungen der beiden Alten in Nahaufnahmen beobachtet werden. Die Frau möchte eine Mütze aus Polarfuchsfell machen, wie Ága sie als Kind hatte, dann möchte sie zu ihr fahren und sie ihr schenken.

Die Geschichte ist gut erzählt, es gibt viel noch nie Gesehenes, Mystik in einem gut vertretbaren Maß, Spannung (der mit Stämmen beladene LKW, der auf dem zugefrorenen Fluss fährt), alles schön – nur der Soundtrack ist eine echte Pein. Als einmal der Sohn zu Besuch ist, spielt er klassische Musik in einem kleinen Radio, ab da nimmt das leider kein Ende. Erst aus dem Radio und dann einfach so als emotional manipulative Untermalung im schlechtesten Sinn. Ohne das hätte ich das anrührende Ende echt besser vertragen.

Unfreiwillig komisch ist dann der Abspann: da verklingen gerade große symphonische Klänge und eine lustige Popmusik setzt ein. Jede Rührung, die beim Publikum noch nachhallt, verpufft spontan, meine Nachbarin lacht laut auf – das kann nicht gewollt sein.

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