Berlinaleblog

68. Berlinale, 15.-25. Februar 2018

Je vois rouge

Eine junge Frau kommt in Sofia an, filmt mit zwei Smartphones gleichzeitig aus dem Fenster des Autos und behauptet „alles zu dokumentieren“. An der Stelle frage ich mich kurz, wer jetzt eigentlich die Frau beim Filmen filmt, aber dann sind die beiden Smartphonevideos nebeneinander auf der Leinwand zu sehen, und ich bin abgelenkt.

Je vois rouge ist eine Dokumentation von Bojina Panayotova. Sie war acht, als sie mit ihren Eltern nach der Wende aus Bulgarien nach Paris emigriert ist, und kehrt zwanzig Jahre später nach Sofia zurück. Gerade finden Demonstrationen statt, die Demonstrierenden fordern, die alten kommunistischen Seilschaften sollen endlich verschwinden, und die Protagonistin/Regisseurin beginnt sich zu fragen, ob ihre Familie nicht damals ziemlich privilegiert war, und welche Rolle sie im System gespielt haben.

Vordergründig wirkt die junge Frau ziemlich naiv, nicht wie dreißig, sondern eher wie ein Teenie,  wenn sie ständig mit ihren doppelten Smartphones gleichzeitig sich und all ihre GesprächspartnerInnen filmt, alle Skypegespräche mit ihrem Freund und den Eltern aufzeichnet, oft mit Splitscreen. Das wirkt gleichzeitig dilettantisch, authentisch, aber auch etwas nervig. Sie nimmt Fahrstunden, montiert im Auto eine Kamera und plaudert mit dem Fahrlehrer über ihr Anliegen. Sie diskutiert mit ihren Eltern und Verwandten, selbst als sie Einsicht in die Geheimpolizeiakten ihrer Eltern und Großeltern verlangt, filmt sie im Amt bis die Beamtin sie auffordert, die Kamera auszuschalten. Sie schafft es sogar, die Aufzeichnungen der Sicherheitskamera im Amtszimmer zu bekommen und in ihrem Film zu verwenden.

Im Lauf des Films wird sie immer anstrengender und respektloser, die Zuschauerin fragt sich, weshalb all die anderen überhaupt eingewilligt haben, die ganze Zeit gefilmt zu werden. Irgendwann werden die Eltern richtig wütend. Und dann kriegt sie die Kurve, am Ende hat sie meinen größten Respekt dafür, dass sie es sich erlaubt, im Film über weite Strecken überhaupt nicht gut auszusehen. Das Ende, offensichtlich erst zwei Jahre später gefilmt, zeigt, dass sie den Konflikt zwischen dem Wunsch nach Wahrheit und dem Recht der Eltern an der eigenen Geschichte sehr wohl – irgendwann – verstanden hat. Erst da wird überraschend deutlich, dass der Film ziemlich klug und raffiniert gemacht ist.

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