Berlinaleblog

69. Berlinale, 7.-17. Februar 2019

The Red Phallus

The Red Phallus von Tashi Gyeltshen ist für Bhutan vermutlich ein ziemlich radikaler Film. „Archaisch im Rhythmus, gewaltig in seiner Bildwelt, drastisch im Ausgang“, um mal das Programmheft zu zitieren. Im Land des Bruttonationalglücks grenzt es vermutlich an Ketzerei, wenn Tradition und Kultur in einen Zusammenhang mit Gewalt und Unglück gestellt werden. Kein Wunder, dass der Film nicht durch die Zensur gekommen ist, bzw. 12 Minuten einbüßen müsste, um in Bhutan gezeigt werden zu können. Wozu der Regisseur nicht bereit ist. Aber… (Vorsicht Spoiler wegen Aufgewühltseins) 

Ja, die Bildwelt ist gewaltig, die Verstörung des Mädchens vom ersten Moment an greifbar, als sie morgens unter statt im Bett aufwacht. Sie geht durch die Landschaft und fühlt sich von roten Atsaras verfolgt, die bedrohlich näher kommen. Der Vater schnitzt Phalli, die in neuen Häusern in die vier Ecken platziert werden. Bei Festen ist auch er ein Atsara. Das Mädchen ist schlecht in der Schule, aus den Seiten ihrer Schulbücher faltet sie lieber Papierflieger, die sie in die Landschaft fliegen lässt. Sie trifft heimlich den Traktorfahrer, Sohn eines Metzgers, vielleicht auch selber einer. Metzger stehen gesellschaftlich ganz weit unten, denn gute Buddhisten töten natürlich keine fühlenden Wesen. Er ist verheiratet, will aber mit ihr in die Hauptstadt fliehen. Der Vater hört Gerüchte über die Beziehung und versucht, den Traktorfahrer dazu zu bringen, seine Tochter in Ruhe zu lassen. Der beschimpft ihn aber nur, und droht ihm damit, ein Geheimnis auszusprechen. Der Vater geht eingeschüchtert weg.

Danach trifft der Traktorfahrer das Mädchen und beschimpft auch sie minutenlang. Er darf eine lange Tirade über seine prekäre Situation in den Lärm der Windfahnen schreien, das Mädchen runtermachen, ewig drauf rumreiten, dass sie neun Inkarnationen unter ihm steht, schwach und unfähig ist. Und dann vergewaltigt er sie. Danach treffen sie sich noch einmal (warum, fragt sich die Zuschauerin). Er beschimpft sie wieder. Sie sagt den großen Satz „Glaube nicht, dass mein Schweigen leer ist“. Er schreit ihr das Geheimnis ins Gesicht, dass der Atsara, der sie beim letzten Fest vergewaltigt hat, ihr Vater war. Sie zieht einen Holzphallus hervor und erschlägt ihn damit. Welch unglaublich stimmige Tatwaffe. Zu Hause zerhackt sie mit dem Küchenbeil alle Phalli, die der Vater geschnitzt hat, und bringt sich dann um. Als der Vater nach Hause kommt, steht die Tür offen. Ende.

Es gibt keine Lösung, es gibt keine Perspektive, es gibt nur Tod und Verderben. Das bleibt bei aller behaupteten Patriarchatskritik doch ein sehr männlicher Blick auf eine Welt, in der außer dem Mädchen überhaupt keine Frauen vorkommen, jedenfalls keine, mit denen das Mädchen irgendeine Art von Verbindung aufnimmt.

Hmm. Es hat mir nicht gefallen.

Da ist außerdem ein Witz im Film – dass es einer war, musste aber erklärt werden: Der Vater unterhält sich mit einer alten Frau, die das Gerücht gehört hat, dass im Tal ein Flughafen gebaut werden solle – wo es doch das Winterquartier der Schwarzhalskraniche ist. Darauf der Vater, er habe gehört, der Flughafen könne ja einfach nur im Sommer öffnen und im Winter Pause machen. Der Witz besteht darin, dass das vollkommen abwegig ist, weil man im Kranichquartier keinen einzigen Stein umsetzen darf wegen Naturschutz. Also haben wir zumindest in der Q&A noch etwas über Bhutan gelernt.

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