Berlinaleblog

70. Berlinale, 20.02.-01.03.2020

Daleká cesta – Der weite Weg

Nur vier Jahre nach Kriegsende, 1949 drehte Alfréd Radok in der Tschechoslowakei Daleká cesta – Der weite Weg, einen der ersten Spielfilme über die Shoah. Die Aufführung im CinemaxX ist die Weltpremiere der restaurierten Fassung. Zur Einführung wird erzählt, dass der Film nach seiner Entstehung nach wenigen Vorstellungen aus dem Verkehr gezogen wurde. Die in Tschechien erhaltenen Kopien waren unvollständig, aber ein französisches Archiv besaß noch zwei Positivkopien, die dem Prager Filminstitut (sorry, ich erinnere den genauen Namen der Institution nicht) zur Verfügung gestellt wurden. An der Qualität des Materials wurde nichts geändert, um die kreativen Entscheidungen von Radok so authentisch wie möglich zu zeigen.

Es ist die Geschichte der jüdischen Familie Kaufmann in Prag. Protagonistin ist die große Tochter Hanka, sie ist Ärztin und darf nach der Okkupation der Tschechoslowakei nicht mehr arbeiten. Sie heiratet ihren nichtjüdischen Kollegen Tonik. Das verhindert aber nicht die Deportation ihrer Familie nach Theresienstadt. Tonik schleicht sich dort ein, erfährt aber nur, dass die Familie bereits weiter nach Osten abtransportiert wurden. Der Film zeigt die zunehmende Entrechtung der jüdischen Bevölkerung Prags, die nichtjüdischen Profiteure, das Grauen des Konzentrationslagers Theresienstadt. Immer wieder werden Ausschnitte aus deutschen Wochenschauen und aus dem Riefenstahl-Film Triumph des Willens eingeblendet, was die Atmosphäre von Anfang an sehr beklemmend macht. Als Hanka schließlich auch in Theresienstadt landet, versorgt sie dort die Kranken. Im KZ gibt es kaum explizite Gewalt, aber das ist nicht nötig. In einer Szene kommt ein Transport von Kindern aus dem Osten zurück nach Theresienstadt. Hanka führt die Kinder in die Dusche – es ist wirklich eine, sie dreht sogar das Wasser auf. Die Kinder wissen aber, was es mit den Duschen in den Lagern im Osten auf sich hat und rennen panisch schreiend davon. Erst in dem Moment wird den Arbeitern, die an einem größeren Ziegelbau mauern, klar, dass sie gerade eine Gaskammer bauen.

Am beeindruckendsten fand ich, dass dieser Film so kurz nach Kriegsende so vollständig sein konnte. Es war alles bekannt, es war alles drin. Die Welt wusste Bescheid.

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