Donnerstag, 18. Februar 2010
puh...noch immer geplättet....
von postcard to daddy....... da fehlen mir ein wenig die worte: unglaublich dicht, unendlich mutig, wahnsinnig persönlich, tief berührend und gleichzeitig atemraubend und fast lähmend.....
ulla kündigte mir an, der film beklemmt, anders als man es erwartet hätte - das stimmt! beklemmend ist für mich z.b. die tatsache, daß bei all den interviews mit angehörigen die tränen fehlen.. nicht, daß ich das nicht kennen würde, daß man die eigene geschichte oder heftige szenen mit einem scheinbaren emotionalen unbeteiligtsein erzähl....... dennoch, man hält die luft an. oder die aussage des vaters auf die frage, wieso er sich all die jahre so wenig damit auseinandergesetzt habe: "ich habe eben einfach ein dickeres fell", die wohl mehr als wahr und erschreckend ehrlich ist...
und ulla warnte mich vor: herrn stocks mutter sieht aus wie deine mutter...... auch damit hatte ulla recht, die ersten alten fotografien der mutter hatten einen gewissen gänsehauteffekt, nicht zuletzt spielt der film ja in der direkten nachbarschaft meiner eltern, ich kenne lörrach, ich kenne die spazierwege wieder....und schließlich auch noch thailand... verdammt viele bilder, die ich kenne...
unglaublich, die frechheit einer pseudo-psychologin im publikum, dem herrn tips zu geben, wie er dem vater besser seine lage hätte in die empfindung bringen sollen..... manche menschen haben einfach kein gefühl für grenzüberschreitungen... wie die mutter in der diskussion abschließend sagt: man kann unterschiedlichste blickwinkel auf dieses thema haben, wichtig ist nur, daß ihr sohn es geschafft hat, seine geschichte für sich zu bearbeiten und einen weg der heilung findet... das wünscht man ihm in der tat von herzen! puh, dann auch noch der selbstmord seines damaligen lebenspartners während der dreharbeiten, also viel fällt einem da nicht mehr ein. außer, daß es menschen gibt, die einfach alles mitnehmen, was man nur an gruseligkeiten mitnehmen kann im leben... sprachlos, noch immer!


Dabei könnte es so einfach sein! Ist doch alles glasklar zu sehen: dass er der jüngste der drei Geschwister ist, aber zehn Jahre älter aussieht als die anderen Beiden. Dass er mit Anfang 40 mehrere Schlaganfälle hatte. Die vielen Verletzungen und Selbstschädigungen. Der versteinerte Vater. Wäre alles auch gut mit Bildern zu machen.
Leider war ich von dem Film und der – teilweise auch filmischen - Hilflosigkeit darin so peinlich beklommen, dass ich vor der Diskussion dringend den Saal verlassen musste. Bestimmt hat doch jemand gefragt, ob der Film ihm seinen inneren Frieden gegeben hat, oder? Was hat er gesagt? Falls die Antwort „ja“ war: Hast Du es geglaubt?
http://www.tagesspiegel.de/kultur/kino/berlinale/Michael-Stock-Missbrauch;art16892,3032700
Klar wird in dem Film viel erzählt, vielleicht auch zu viel. Und auch ohne viel Emotionen, Betroffenheit, Verurteilungen und Tränen.
Dabei sollte man nicht vergessen, dass das alles schon sehr lange her ist und sich die Familie auch schon sehr lange mit dem Thema beschäftigt hat. Seine Mutter war sogar 17 Jahre lang beruflich damit befasst.
Und klar steht Michael ziemlich hilflos mit diesem Thema in der Öffentlichkeit - einmal bei dem vergeblichen Versuch das Thema in einem Spielfilm zu verarbeiten. Und vielleicht auch damit, wie er dieses Erlebnis nun im Film beschreibt...
Andererseits beweist er aber auch sehr viel Mut und Kraft, das Thema nach so langer Zeit überhaupt noch einmal anzugehen. Jetzt ohne fiktive Charaktere, sondern mit seiner "echten" Familie, die öffentlich über ihr privates Leben erzählt.
Und ob der Film ihm nun endlich seinen Frieden geben wird, werden wir noch sehen. Ich sehe ihm zumindest an, dass er jetzt viel glücklicher ist als vorher.
Der Punkt dabei ist, dass die Aussprache mit dem Vater, die noch dringend notwendig war - aber nach dem Selbstmord seines damaligen Freundes abgebrochen wurde - DURCH die Entstehung des Films wieder fortgesetzt wurde.
Für Michael ist diese Aussprache extrem wichtig und ihm werden nun vielleicht einige der noch offenen Fragen durch den Vater beantwortet.
Wir haben die Frage oder die Anmerkung nach den fehlenden Emotionen im Film in fast allen Q&As bei den Berlinale-Vorführungen gehabt. Mir zeigt das leider nur, dass sich schon sehr viele von uns an die TV-Formate des "reality-TV" gewöhnt haben. Scheinbar ist eine relativ "neutrale" Auseinandersetzung mit solch einem Thema nicht ausreichend?
Es fehlt der Scheiterhaufen, auf den man den Vater stellt, es gibt keine tobende Mutter, fluchende Geschwister und selbst das "Opfer" benimmt sich nicht entsprechend weinerlich. Wo sind die Dorfbewohner, die vor dem Haus des Kinderschänders mit ihren Parolen skandieren?
Auf diese Elemente hat der Film allerdings absichtlich verzichtet. Michael will nicht anklagen, sondern verstehen, um für sich selbst einen besseren Umgang mit seinem Trauma zu finden!
Wir hoffen auch sehr, dass der Film Menschen mit ähnlichen Erfahrungen das gibt, was ihnen im Gegensatz zu Michael oft fehlt, um das Erlebte zu verarbeiten: Den Mut darüber zu sprechen!