Sonntag, 21. Februar 2010
Und gleich noch zwei Nachträge:
Drommen (Der Traum) heute mein letzter Film in der Retro:
gewann 2006 den Gläsernen Bären und war im Kino sehr erfolgreich. Es ist tatsächlich ein schöner Mutmach-Film, allerdings nicht so perfekt, wie immer getan wird:
1. Dass der böse, selbstgerechte Schulrektor (der immer die Kinder gehauen hat) am Schluss an einem Herzinfarkt stirbt, ist einfach Mist. Das ist kein Sieg und kein richtiges Ende. Er kommt davon, da können die Kinder in der Aula noch so viel jubeln. Ein riesen Drehbuch-Fehler.
2. Das Mädel im Film ist eine echte Kuh, zickig, hintenrum, feige. Wenn so eine die Heldin ist, dann heißt das doch, die Mädels sind halt so, man muss sie trotzdem gern haben. Das taugt nichts.
Sehr gut gefallen hat mir aber der gemütskranke Vater und seine Beziehung zum Sohn.
Und dann zuhause zum Abschluss noch "Berlin, Ecke Schönhauser" im Fernsehen geguckt. Und das war's jetzt wirklich!
Ullas Round-up
26 Filme, davon 4 Spielfilme, 9 Kurzfilme, 13 Dokus.
Der beste Film war "Alle meine Väter".
Gut waren:
• Der Tag des Spatzen
• Frauenzimmer
• La bocca del lupo
• Friedensschlag
• Podworka (der Actionfilm von Sharon Lockhart)
• Poi Dogs (Kurzfilm: Riese, Riesin, Tuba...)
• Sawako decides
Für alle anderen gilt das vielgeschmetterte Motto aus Sawako decides: "Wir sind unteres Mittelmaß und geben uns Mühe!" Wer den Film gesehen hat weiß, dass das durchaus positiv gemeint ist. Trotzdem: alles in allem ein eher mittelmäßiger Jahrgang, wenn Ihr mich fragt.
Verpasst/Vermisst:
• Warum hat mir eigentlich keiner rechtzeitig gesagt, dass der russische Wettbewerbsfilm "How I ended this summer" vom Regisseur von "Koktebel" war? Da wär ich doch hingegangen! Schlamperei!
• "Neukölln unlimited" im Neuen Off
• Bibliothèque Pascal
• Aisheen (Still alive in Gaza)
• Sehe ich es richtig, dass es außer dem Ian-Dury-Fanfilm keinen einzigen (neuen) britischen Film auf diesem Festival gab? Erstaunlich...
Bloggen war wieder super, vielen Dank Micha! (bei etlichen Filmen hat das Schreiben mehr Spaß gemacht als das Anschauen!) , der Blog-Editor nervt allerdings ein bisschen. Habe jetzt schon zum dritten Mal bei diesem Eintrag mit HTML rumgepfuscht und überflüssige Umbrüche getilgt - aber die Abstände werden einfach nicht kleiner...Sorry, ich gebs jetzt auf!
Samstag, 20. Februar 2010
Fast fertig!
Die Bären und sonstigen Preise sind vergeben. Ich bin etwas beleidigt, dass meine beiden besten Filme ("Alle meine Väter" und "Tag des Spatzen") leer ausgegangen sind. Find ick blöd. Immerhin hat "La Bocca del Lupo" zwei Preise bekommen (Teddy- Dokfilm und Caligari-Preis). Und der war ja auch sehr schön. Gesamt-Rückschau folgt morgen.
Generation-Kurzfilme statt ominöse China-Doku!
Das war eine gute Entscheidung! Sechs Kurzfilme aus dem Generation 14+-Programm, davon waren (statistisch ausgedrückt):
- 66,6% im Ton erbaulich, 33,3% eher unerbaulich
- 50% (naja) Liebesgeschichten, 50% Problemgeschichten
- 50% Englisch, 50% andere Sprachen (Spanisch, Polnisch, Neuseeländisch)
- 16,6% völlig (wirklich völlig) unverständlich: Da Neuseeländisch offiziell "Englisch" heißt, gab es für den Film keine Untertitel; nichtsdestotrotz haben die beiden jungen Menschen, von denen einer am Schluss tot war (warum? wieso? Selbstmord? Überdosis? Unfall?) eine mir gänzlich unzugängliche Sprache gesprochen; ich habe noch nie einen Film so wenig verstanden. Warum hatte das Mädchen so viele Narben und blaue Flecken? Warum hieß der Film "Redemption"? Und um was ging es?
- 16,6% (über verliebte Roboter) von Spike Jonez, mit schöner Musik (The Lost Trees), ganz nett.
- 16,6% richtig toll:nämlich Poi Dogs aus Hawaii, in dem ein rie-hie-hiesiger Footballspieler auf einem winzigen, kaputten Mofa eine dralle Tubabläserin trifft, die zunächst grimmig kuckt, dann aber das Mofa repariert, so dass am Schluss alle drei (Riese, Riesin und Tuba) auf dem immer noch winzigen Mofa nach Hause fahren. Und an zwei skinny bitches mit Angeber-Auto vorbeiziehen. Das hat wirklich Spaß gemacht!
Der Tag des Spatzen...
...ist sicher einer der intelligentesten und interessantesten Filme, den ich seit langem gesehen habe. Wie das Programmheft sagt, geht es um den Krieg in Afghanistan (bzw. die Frage, ob da ein Krieg ist) und um Vögelbeobachten. Völlig abwegige Verbindung denkt man vor dem Film - nach dem Film fragt man sich, warum man die völlig offensichtlichen Verbindungen je nicht sehen konnte!
Mittwoch, 17. Februar 2010
Echt Pech gehabt...
haben alle, die nicht in "Alle meine Väter" von Jan Raiber waren. Der Titel ist nicht verlinkt, weil die Beschreibung im offiziellen Programm bescheuert ist und einem keinen blassen Schimmer davon gibt, wie atemberaubend dieser Film ist, bei dem es einen kaum im Sessel hält. Dabei geht es "nur" um eine äußerst, äußerst zivilisierte Konfrontation des 28-jährigen Regisseurs mit seiner Familiengeschichte nach 28 Jahren "Lügen und Geheimnisse" (wahrscheinlich die beste Referenz, und durchaus sogar auf Augenhöhe). Der Clou an der Sache: sie geht gut aus: kein Streit, keine Tränen, keine schlagenden Türen. Hat schon mal jemand behauptet, glückliche Familien seien langweilig? Keine Ahnung der Mann! Die Menschheit ist doch manchmal besser, als ihr Ruf, davon bin ich jetzt (und nach "Frauenzimmer") überzeugt. Endlich der Knaller, der dringend gefehlt hat!
Und hier (im Festivalblog) ist eine vernünftige Kritik und Beschreibung dazu.
Dienstag, 16. Februar 2010
Und heute gleich noch ein Film von Sharon Lockhardt,
der Regisseurin von Double Tide gestern, und zwar im "Forum Expanded" als Teil von "intermission red" (weil es in der Pause ein rotes Getränk gab). Ich muss sagen, mir sank schon ein bisschen das Herz, als der Film angekündigt wurde. Aber: er erwies sich als wahrer Action-Knaller: 6 statische Einstellungen in 30 Minuten! Aber wirklich: perfekt ausgeschnittene Bilder von Hinterhöfen im polnischen Lodz, in denen wir Kindern beim Spielen zusehen.
und was soll ich sagen: es war ein ganz toller Film. Auf jeden Fall das Highlight des Tages, wenn nicht soger... aber nein, erstmal noch abwarten.
Wieder mal ganz tolle Menschen kennen gelernt...
...habe ich gestern in Frauenzimmer . Es mag verwundern, aber nach dem Film stand eine Frau auf und sagte, vielen Dank, der Film hätte ihr solchen Mut gemacht. Und ich verstehe genau was sie meint. Wenn Lebensgeschichten möglich sind, in denen eine kleine, etwas unscheinbare aber ganz reizende Frau nach über 20 Jahren Eheleben und manisch-depressiver Erkrankung sowie 2 Kindern, mit 49 (!) Jahren sich selber beibringt, wie ein Orgasmus geht ("weil ick nicht locker jelassen habe, weil ick det einfach wissen wollte"), wenn sie sich danach scheiden lässt und mit so vielen Männern wie möglich schlafen will, um das neu eroberte Terrain in Besitz zu nehmen, und sich wie ein Kind freut, dabei auch noch Geld zu verdienen. Wenn ihre Krankheit (dadurch?) verschwindet und ihre Kinder und Enkel sie trotzdem respektieren und unterstützen. Und wenn sie dann auch noch einen neuen Freund findet, der im Nebenzimmer Kopfhörer aufsetzt, wenn ein "Gast" da ist, und der sie am Schluss, mit 59, heiratet - wenn solche Lebensgeschichten möglich sind, dann ist alles möglich. Das doch wie im Märchen, oder?
Die andere Frau - sehr warmherzig, sympathisch und handfest, sagt, sie sei ein "Stehaufmännchen" - und ihr sonniges Gemüt therapiert sie sich selber gesund, mit Splatterfilmen, weil im Vergleich mit denen ihre eigenen Erlebnisse (9 Jahre DDR-Knast, Gewalt, Vergewaltigung, tragische Liebesgeschichten) auf einmal "harmlos" wirken.
Wieder einmal (wie auch bei "La bocca del lupo") stitzt man mit offenem Mund im Kino und kann nur wieder staunen, wie unendlich viele Geschichten und Schicksale es auf der Welt gibt - und manche machen eben Mut, auch wenn alle äußeren Umstände dagegen sprechen.

