Samstag, 20. Februar 2010
Kyoto Story
Das Lustigste an Kyoto Story war der Auftritt aller Beteiligten vor der Vorstellung. Die beiden Regisseure, der Produzent, ein Dozent von der Uni, die Hauptdarstellerin, eine studentische Hilfskraft: alle durften sie nacheinander sagen, dass es in Kyoto früher eine blühende Filmindustrie gab (in den Studios nahe der porträtierten Gegend wurde Rashomon gedreht!), die aber ausgestorben ist, dass mithilfe der Universität und ihrer Studenten die Situation in einer alten Einkaufsstraße gründlich recherchiert wurde, und dass so ein schöner Film mit einer Liebesgeschichte entstanden ist, den wir jetzt genießen sollten. In leichten Variationen wurde das also mindestens fünf Mal wiederholt, die anwesenden Studente in der ersten Reihe durften auch noch kurz aufstehen.
Die Geschäfte, die gezeigt wurden, haben mir gut gefallen, vor allem der Tofuladen (der zweite der diesjährigen Berlinale nach dem in Dooman River). Die Liebesgeschichte ist eher uninteressant. Die Protagonistin, Bibliothekarin der Unibibliothek und Tochter des Wäschereibesitzers, hat anscheinend ein Faible für Komiker, wovon der Nachbarssohn wirklich einer werden will - jedenfalls lieber als den Tofuladen zu übernehmen, der andere, der "Visiting Scholar", ständig unfreiwillig Slapstickeinlagen gibt. Der eine ist sehr um seine Komikerkarriere bemüht, der andere will sie unbedingt mit nach China nehmen, keine leichte Entscheidung für die Protagonistin, aber trotzdem hätte ich ihr dabei nicht zwingend zuschauen müssen.
Freitag, 19. Februar 2010
Congo in Four Acts
Einer der vier Regisseure von Congo in Four Acts war von der Berlinale eingeladen worden. Die Botschaft in Kinshasa hat aber weder für ihn, noch für zwei Personen, die am Film Kinshasa Symphony beteiligt waren, Visa ausgestellt. Die Frau vom Forum (leider ist Herr Terhechte der einzige, der sich immer vorstellt, also kenne ich ihren Namen nicht) berichtet, dass im Vorfeld täglich zigfach telefoniert wurde, bis hin zum Büro von Außenminister Westerwelle. Erst letzten Dienstag kam dann die endgültige Ablehnung. Die Bedingungen fürs Ausstellen eines Visums waren erfüllt (Anlass, Rückfahrkarte, Kostenübernahme), wie kann es sein, dass da bürokratischen Arschlöcher sich im Namen der Bundesrepublik anmaßen, vollkommen willkürlich ihre Macht zu missbrauchen, ein Visum zu verweigern, nur weil sie es können? Sehr widerlich und auch sehr peinlich. Das Publikum reagiert sehr empört, der Produzent, der in Belgien aufgewachsen ist, und deshalb sein Visum nicht bei der deutschen Botschaft beantragen musste, freut sich zu hören, dass seine Kollegen bei uns willkommen gewesen wären.
Der Film entstand aus einem Ausbildungsworkshop für junge Filmschaffende, bei dem junge Regisseure lernen sollten, ihren eigenen Blick auf das zu finden, was sie zeigen wollen. Das gelingt, denn in diesen vier kurzen Filmen erfahren wir Dinge, von denen teilweise nicht zu ahnen ist, dass es so etwas gibt. Die beiden Extrembeispiele, die in allen Besprechungen genannt werden, sind die Frauen, die die Entbindungsstation nicht verlassen dürfen, bevor sie nicht die Rechnung bezahlt haben - zur Not in Naturalien wie Ohrringen oder Stereoanlagen - und die Kleinkinder, die in der Mine ihrer Mutter beim Steineklopfen helfen. Da sitzt ein Kind, das kann sicher kaum laufen und haut mit einem Metallwerkzeug auf Steinbrocken. Es wirkt ein bisschen wie ein Spiel, dadurch aber umso erschreckender.
Premiere: rausgegangen
Zum ersten Mal bin ich aus einem Berlinale-Film nach einer halben Stunde rausgegangen: aus Crossing the Mountain.
Ein durchaus befreiendes Gefühl.
Donnerstag, 18. Februar 2010
Bibliotheque Pascal
Wer auf Märchen steht: nicht nur 'Au revoir Taipei' anschauen, sondern auch diesen in Betracht ziehen! Unglaublich schrecklich-schöne Geschichten, die überleben helfen und überleben ermöglichen und - wie Märchen so oft - einen erschütternd harten Blick auf die Realitäten in wunderbare fröhlich-bunte Bilder kleiden: Männer die besitzen wollen, Männer mit Knarre, die aus dem Sand am Strand auftauchen und bezaubern, ein modernes Kasperletheater aus Schaumstoff in dern die Prinzessin den Skorpion küsst, von ihrem eigenen Vater verkauft und auch von ihm dank der Träume ihrer Tochter errettet - vielleicht auch eher: erlöst - wird... aber ne (mehr oder weniger stringente) Handlung gibts schon - wie im richtigen Märchen halt!
Winters Bone
So hart und so beeindruckend - gedreht von Debra Granik (noch ein Frauenfilm) und er hat grad (Ende Januar) das Sundance-Festival gewonnen - toughe Frauen regeln das unerbittliche Leben in einer Männerwelt mit Härte und Gefühl und müssen von ihren ach so härteren Kerlen dabei ab und zu sogar zurückgehalten werden, um nicht zu hart zu werden. Und wer mal sehn will, wie Eichhörnchen fachgerecht geschlachtet werden, kommt auch auf seine Kosten... Vorsicht, Galgenhumor!
Orly
Genial - Menschen in der Halle des Flughafen Orly, denen wie im 'Himmel über Berlin' in ihre Unterhaltungen, Überlegungen, Träumereien geschlüssellocht wird und man muss es sich richtig bewußt machen, dass man in einem Spielfilm und nicht in einer Dokumentation sitzt. Hinterher sagte die Filmemacherin Angela Schanelec, dass sie durch lange Aufenthalte auf diesem Flughafen auf die Idee gekommen sei und die Schönheit der Halle in ihr den unbedingten Wunsch erzeugt hat, diese einmal komplett leer zu haben - am Ende des Filmes wird evakuiert und bis dahin haben wir vier Paare hinein- und hinausbegleitet... und begriffen, warum diese an sich so unwirtliche Zwischenwelt ihre ganz eigene Sogwirkung hat.
Double tide
Weils so lang geworden ist, nicht als Kommentar... Dass es Stilles Sitzen mit Film werden würde, hatte ich schon bei der Länge vermutet : zweimal 45 Minuten. Und Ullas phänomenale Filmkritik - wir haben uns hervorragend amüsiert, Danke! - hats bestätigt. So wars dann auch: der unvermeidliche Hänger kam in den ersten 45 Minuten (als der Morgennebel kurz vorm Lichten dann wirklich nahezu alle Kontur, Bewegung, Differenz verschluckte) und danach Flow, Freude an den kleinen Veränderungen, den Geräuschsensationen, dem Sonnenglanz im zweiten Teil und dass es eben doch etwas mit uns macht, in welcher Geschwindigkeit wir Dinge sehen, erleben.
Mittwoch, 17. Februar 2010
Aisheen (Still Alive in Gaza)
Es gibt Dokumentarfilme, die finden so starke Bilder und Personen, dass zusätzliche Kommentare einfach überflüssig sind. So einer ist Aisheen (Still Alive in Gaza). Da sind der zerstörte Rummelplatz in der die Geisterbahn erklärt werden muss ("hier wurde mit Papier geraschelt, damit die Leute denken, Ratten kommen aus dem Grab"), ein zur Wüste geworderner Jahrhunderte alter Olivenhain, der Zoo, der eine Sektion "ausgestopfte Tiere" einführen musste, weil so viele Tiere gestorben sind (der Löwe ist nicht wiederzuerkennen), der Grenzübergang nach Ägypten, wo Leute dringend ihre Angehörigen ins Krankenhaus bringen wollen, Bilder vom Strand, wo ein paar Jungs beim Fischen einen winzigen Fisch fangen und grillen, der gestrandete Wahl, dessen Knochen bei den ausgestopften Tieren landen, das Baby im Krankenhaus, das durch Phosphor verletzt wurde, ganz besonders die Kinder, deren Traumata mithilfe von Clowns und Rollenspielen bearbeitet werden, die großartigen Rapper von DARG TeaM, die in einer Radiosendung auftreten dürfen und mit konservativen Hörerstatements konfrontiert werden (was soll das für eine Musik sein, und wie die schon aussehen). Am Ende hat der Rummelplatzmann wenigstens ein Karussell wieder in Betrieb genommen.
Die Diskussion danach droht kurzzeitig zu entgleisen, als eine linke Israeli verlangt, es müsse auch die andere Seite gezeigt werden. Die Mehrheit im Saal ist mit dem Regisseur Nicolas, der einen Film über die Menschen in Gaza gemacht hat und weiter gar nichts muss, und dem Produzenten, der hofft, das es keine 50 Jahre dauern wird, bis Gaza wieder ein schöner Ort sein wird.
Hier die Rapper von DARG TeaM mit dem Stück aus dem Film:

