Samstag, 20. Februar 2010
Portraits Deutscher Alkoholiker - wunderbarer Vorspann
Was für ein stimmiges Format: Wir hören die Geschichten, sehen die Personen jedoch nicht, dafür sehen wir sehr bemerkenswerte Bilder, in denen quasi ein Portrait der Umgebung der jeweiligen Person gezeigt wird, die Fassade hinter der alles stattfindet, die scheinbar in Ordnung ist. Mein Lieblingsvorspann: Wir schauen in einen Raum, der mich an den Gemeindesaal der Evangelischen Kirche erinnert, kleine Tischgrupppen für ein eventuelles Kaffeetrinken, keine Menschen, in der Mitte eine Art Bühne auf der Mittig eine Büste steht, rechts und links schwerer Samtvorhang. Nun ziehen sich die beiden Vorhänge auf und rechts und links von der Büste beginnt eine Wassershow mit kleinen, sich ständig wandelnden Springbrunnenfontänen in wechselnden Formationen und Mustern. Von diesem absurd anmutenden Ensemble erheitert und entzückt wird der Vorhang wieder geschlossen und der Film beginnt. Wunderbar! Noch ein Bild, das sich einprägt: eine riesige elektrische Orangensaft-Presse, der wir minutenlang dabei zusehen, wie sie die Orangen in zwei Trichtern oben einfängt, dann zerteilt und presst, und die Ärmchen mit den Trichtern wieder nach oben wandern, um sich neue Orangen abzuholen! Oder eine Machine, die verschiedene Medikamentenpackungen einsammelt und in ein Regal einsortiert, dabei diverse Zahlen kombiniert, um zu wissen, wohin... faszinierend! Manchmal ist es laut, wenn Züge durch die völlig graue Industrielandschaft brettern oder Flugzeuge starten und landen. Beeindruckende Bilder und natürlich die Geschichten der Menschen, die vorallem ihre wundersam konstruierten Strategien und Ausflüchte erzählen, wieso sie sich jahrelang vormachen konnten, kein Problem zu haben. Langsam gen Ende spitzen sich die Schicksale zu, zunächst scheinen Leben und Karriere auch gut mit Alkohol zu funktionieren, oder gar besser, dann kippen die Geschichten. Stimmig und sehr konsequent in der Machart.
Montag, 15. Februar 2010
Renn wenn Du kannst
Perspektive Deutsches Kino im Colosseum: Es hat sich gelohnt, für meinen diesjährig ersten Berlinalefilm in meiner Mittagspause zwischen Atmen und Atmen quer durch Berlin zu fahren, ich mag ja das Kino an sich, aber die U2 tuckelt einfach ewig...
Vieles kam mir bekannt vor, der unglaublich schwarze, provokante Humor und die Selbstironie der Hauptfigur Ben im Rollstuhl, erinnerte mich doch sehr an meine Zeit bei den ambulanten Diensten in der Einzelfallhilfe. So z.B. auch die herrliche zweite Szene, in der Robert Gwisdek als Ben seinen Zivi herum kommandiert, als hätte der nichts Besseres zu tun, als stundenlang ein Schiff 2 cm nach rechts und wieder nach links zu rücken, um es über dem Schreibtisch aufzuhängen... da kommen mir Bilder, in denen ich stundenlang in der überheizten Küche Blumenkohl frittierte, währen mein Hilfenehmer in der Badewanne Biere trank, um anschließend Pornos zu schauen........ach wie uns Ben aufgeklärt hat, man sagt heute nicht mehr "geil", sondern "porno"! Also der Flm war echt porno Alter! im Übrigen ein fantastischer Vorspann, in dem die Diplomarbeit in Hunderten von Seiten aus Bens Berliner Platte in alle Winde weht......nette kleine Spielereien am Rande, z.B. der Beethoven-Pappmaschee-Kopf, der wahlweise auch Mozart, Schiller oder Lenin darstellt und ständig irgendwo runterfällt. Ein charmanter Regisseur, dessen Schwester den Film mit konzipierte und die weibliche Hauptrolle spielt, und der uns erklärte, daß Dialoge schreiben das einfachste am Film wäre, weil das so viel Spaß macht.. glaub ich ihm sofort, die Dialoge waren klasse! Ach und daß die thematischen Bearbeitung auch Details wie z.B. die Penispumpe als Hilfsmittel nicht ausspart werden, spricht für die realistische Sicht, der weder Humor noch Ernsthaftigkeit und Tiefe fehlen.
Mittwoch, 13. Februar 2008
Football under Cover
(Eigentlich hatte ich ja ein bisschen gehofft, dass Ulla mir zuvor kommt, etwas über Football Under Cover zu schreiben)
So gehen Berlinale-Meta-Geschichten, wobei über diese hier schon zigfach berichtet wurde: die Idee zu diesem Film wurde auf der Berlinale geboren, als sich Marlene Assmann und Ajat Najafi mit je einem Fußballkurzfilm im Talent Campus kennen lernen. Die aktive Fußballerin beim BSV AL-Dersimspor erfährt, dass es im Iran eine Frauenfußballnationalmannschaft gibt, die aber noch nie gegen eine ausländische Mannschaft gespielt hat. Das sollte sich ändern. Wie schwer es war, dieses Projekt zu realisieren, ist zumindest in Kreuzberg nicht erst seit diesem tollen Film bekannt. Wir alle waren gespannt, ob das Rückspiel, das im vergangenen Jahr geplant war, tatsächlich stattfinden würde. Das Katzbachstadion war bereits ausverkauft, als es "aus technischen Gründen" von der iranischen Seite abgesagt wurde. Dass überhaupt das Hinspiel stattfinden konnte, scheint im Nachhinein wie ein kleines Wunder. Während der Premiere wird das Publikum geschlossen zum größten Fanclub, den der Verein jemals hatte, Filmteam und Fußballerinnen werden begeistert gefeiert ("Susu!!!") - dass hier keine Fragen mehr gestellt wurden, hat überhaupt niemanden gestört.
In der taz erscheint ein Interview mit Ajat Najafi.
Und hier noch Ullas Link aus der Berliner Zeitung (Gastspiel Berliner Ensemble in Teheran) anklickbar.
Freitag, 16. Februar 2007
Perspektive Deutsches Kino
Drei Kurzfilme in der Perspektive Deutsches Kino: Aschermittwoch, Zirkus is nich und Memoryeffekt.
Aschermittwoch und Memoryeffekt sind Spielfilme, beide sehr gut gemacht, mit durchdachter und überraschender Geschichte und spannend anzusehen.
Richtig schlecht fand ich Zirkus is nich. Einerseits reißt Dominik, der achtjährige Protagonist des Dokumentarfilms ganz schön was raus - es ist allemal interessant ihm zuzusehen. Andererseits finde ich die Regisseurin mit ihren eklig aufdringlichen Fragen aus dem Off unglaublich unsympathisch. Wie sie die alleinerziehende Mutter, die offensichtlich findet, dass ihr Leben gewissermaßen gelaufen ist, nach ihren nächsten Zukunftsplänen fragt, ist furchtbar. Sie hat keine Ahnung von Fragetechnik und stellt fast nur geschlossene Fragen, die Dominik zuerst meist mit ja oder nein beantworten kann. Dann hält sie die Kamera drauf, bis doch noch etwas kommt. Ihre letzte Frage an Dominik: "Was gibt dir jeden Tag die Kraft aufzustehen?" ist so ein abscheuliches Klischee, dass es mir fast peinlich war, das in einer öffentlichen Vorführung ansehen zu müssen.
Donnerstag, 15. Februar 2007
Hotel Very Welcome
Ein Standartwitz beginnt so:
Ein Ire, zwei Engländer und zwei Deutsche sind unterwegs in Thailand und Indien.
Was sich in der Filmankündigung wie ein Selbstfindungsfilm dieser unterschiedlichen Charactere ausnimmt, beginnt in der ersten Szene mit einer Deutschen, die von ihrem nichtssagenden Hotelzimmer aus versucht, ihren verpassten Flug umzubuchen. (Nie zuvor konnte ich mir vorstellen, wie jemand durch das Buchstabieren seines Namens so viel über sich aussagen kann.)
Der Gesprächspartner radebrecht Englisch und nach der ersten Minute des Filmes ist der Ton des Filmes gesetzt: Dokumentarisch, verzweifelt, mit Liebe zu den Protagonisten.
Schublade auf für eine mentale Roadmovie Tragik-Kommödie mit
- Einer "Ich brauche etwas Abstand und begebe mich in den Aschram" Deutschen,
- Einem "Ich bin dauerbekifft und offen für Alles in Indien, weil weg von zu Hause" Iren,
- Der genannten "Ich habe meinen Anschlussflug verpassten" Deutschen (die eine Stimmfärbung hat, daß ich mir von Ihr auch das Telephonbuch gerne vorlesen lassen würde) und
- Zwei "Wir beide sind Kumpels, kennen uns beide aber nicht wirklich und wollen Sonne, Raves und Däninnen, Schwedinnen, oder Engländerinnen" Engländern.
Es macht viel Spaß, den Schauspielern beim dokumentatorischen Spiel mit sich zuzusehen. Die vier Geschichten fügen sich gut zu einem Gesamtbild zusammen.
Das angekündigte "Kjuh änt Äih" nach der Vorführung, mit den anwesenden vor und hinter der Kamera Leuten zeigt ein entspanntes und nervöses Team, welches sich sehr über den starken Beifall des Publikums freut.
Fazit: Durch die ungewöhnliche Klassifizierung des Filmes, plus der ZDF Koproduktion, werden wir "Hotel Very Welcome" unverdientermaßen nicht in den Kinos, sondern erst auf arte sehen. Schade, er wäre es wert, ins Kino zu kommen.
Dienstag, 13. Februar 2007
Prinzessinnenbad
Das Prinzenbad, pardon: Prinzessinnenbad, zum Ausgangspunkt eines Films zu machen, ist eine völlig naheliegende Sache, so oft fühlte ich mich da schon als Zuschauerin absurder Kurzfilme (ich denke nur an den dosenöffnerlosen Kampf der kleinen Jungs mit ihren Ölsardinen, den sie unter Einsatz roher Gewalt und dem Verlust etwa der Hälfte des Doseninhalts dann doch noch gewannen).
Der Dokumentarfilm um drei Kreuzberger Mädels ist ziemlich beeindruckend - aber habe ich mich auch ganz schön alt gefühlt. Das ist so, wenn Kids Redewendungen benutzen, die eine noch nie so gehört hat oder wenn sie Dinge tun, von denen ich nicht mal wusste, dass es sie gibt: telefonieren im Telefonchat z.B.
Sehr schön zusammengefasst hat den Film Christiane Rösinger in ihrer taz-Kolumne von heute: Wie schön, wenn 15-jährige Mädchen klare Vorstellungen vom Leben haben: "Wenn ich erwachsen bin, werd ich bisexuell und kauf niemals im Ökoladen!" Die tapferen Mütter setzen vernünftige Grenzen: "Keen Heroin und nicht schwanger werden!" Und außerdem kann man sich Anregungen für die Gesprächsführung mit schwerfälligen Jungs holen: "Ick komm aus Kreuzberg, du Muschi!"
Drüben auf der offiziellen Berlinaleseite gibt es noch ein schönes Foto von Regisseurin Bettina Blümner und den dreien bei der Premiere. Nur einen kleinen Kritikpunkt hätte ich dann doch: das Material - wenn das Schwimmbecken nicht mehr richtig schwimmbadfarben, sondern nur noch blasstürkis ist, ist das schon ein bisschen schade.
Montag, 12. Februar 2007
Perspektive Deutsches Kino
Hat es eigentlich in den letzten zwei Jahren irgendwer geschafft, eine Karte für diese Sektion im freien Verkauf zu erwerben? Diese Sache fängt so langsam an, mich zu ärgern.
Freitag, 10. Februar 2006
Esperanza
Unser persönlicher Eröffnungsfilm war Esperanza von Zsolt Bács. Esperanza ist der Name eines ausgemusterten Vergnügungsdampfers, dessen seltsame Crew ein Häuflein unfreiwilliger Passagiere an Bord nimmt, die ihre Fähre verpasst haben, aber dringend am Silvesterabend noch vor Mitternacht nach Kopenhagen übersetzen müssen. Dies tun sie mit der Absicht, den Lebenslügen ihrer Passagiere auf die Spur zu kommen - ein schönes Ziel, aber musste das gleich zu Anfang vom Kapitän aus dem Off explizit gesagt werden?
Sobald die Esperanza einmal in der Totale gezeigt wurde, ging der alte Schlepper eigentlich kaum noch als ehemaliger Vergnügungsdampfer durch - und so war auch ein bisschen der Film. Es sollte wohl einer der Filme werden, die absurd, komisch, märchenhaft, bezaubernd - und zeitlos, wie Herr Bács im Anschluss sagte - sind, und die das Publikum beschwingt aus dem Kino gehen lassen. Leider scheint hier nicht nur die Absicht ein wenig zu sehr durch, der gesamte Text hält das Publikum für so beschränkt, dass Andeutungen einfach nie ausreichen, sondern immer alles ganz explizit erklärt werden muss.
Das ist ein bisschen schade, denn einzelne Szenen und Details sind sehr hübsch: Anna Thalbach als ältliche Person, die einen Priester liebt und den durch heimlich gebohrte Löcher in Pfarrhauswänden fotografiert hat - die Frisur hätte übrigens nicht ganz so doof sein müssen. Der Möchtegernmörder, der gerne lebenslänglich in die sichere und saubere Umgebung des Gefängnisses zurück möchte - sehr schön, wie er, der in seiner Zelle nur alleine zu tanzen gelernt hat, auftaut. Wunderbar die Begegnung der beiden in der Toilette. Die östereichische Staatsanwältin, die sich spät, aber umso schöner zu ihrer Herkunft bekennt. Und die dampfenden und zischenden Getränke, die optisch was hermachen und auch sonst eine wichtige Rolle spielen.
Was offensichtlich war und im Nachhinein ebenfalls noch einmal ganz explizit betont wurde: es hat allen einen Heidenspaß gemacht bei dem Projekt mitzumachen, und das ist ja auch schon was.

