Berlinaleblog

71. Berlinale für uns vielleicht im Juni

24. Februar 2020
von maxuta
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Back again – oder: Berlinale 2020… das Jahr des Wandels?

Aufgrund der Veränderungen auf so vielen Ebenen müßte sich die diesjährige Berlinale doch sichtbar gewandelt zeigen, aber lässt sich das so sagen?

Das Festival selbst ist unter neuer Leitung breiter aufgestellt mit Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und Künstlerischem Leiter Carlo Chatrian. Das Forum leitet nun Christina Nord und das Panorama wird verantwortet von Michael Stütz.
Verschwunden sind nicht nur die  sehr geschätzten Programmschienen ‚Kulinarisches Kino‘ und ‚Native‘ – sondern ebenfalls die von uns sehr geschätzten und viel genutzten Übersichts-Tabellen im Programm, ein herber Vorbereitungs-Verlust!
Und bei den Spielstätten gibts das Haus der Kulturen der Welt nicht mehr für die Generation, ebenfalls große Trauer – was war das für ein schönes Getriebe ohne ätzendes Gedränge an einem bequemen, geräumigen und ästhetischen Ort… so viele gute Erinnerungen!
Weggefallen durch Schließung sind auch das IMAX und die Cinestar-Kinos mit ihrem Übergang zu Arsenal und Filmhaus – deswegen hats mir immer dort besonders gut gefallen: denn der ambulante Gastrobereich unten vorm Arsenal wird gestaltet und betrieben von den Prinzessinnengärten und ist einfach klasse. Da verbrachten wir auf die Schnelle viele schöne Pausen mit überraschenden Begegnungen.
Ach so… fast vergessen: auch die Bären-Plakate sind wieder grafischem Minimal-Gestalten à la Ott&Stein gewichen. Die Foodtrucks sind umgezogen ins Sony-Center, da die Potsdamer Platz Arkaden durch einen bevorstehenden Umbau nahezu verwaist sind. Dafür ist das Getriebe vor Ort erstaunlicherweise nahezu unverändert, incl. des grausigen Bratwurststandes… das hätte ich nicht erwartet!

Hinzugekommen ist die Programmschiene Encounters, die für mich eine nicht einzuordnende „Mischung aus allem“ enthält: unter anderem einen Film von Alexander Kluge und ein 8-Stunden-Epos über eine japanische Bäuerin, die ich beide im Forum erwartet hätte – anderes bei Berlinale Special, Panorama, Perspektive Deutsches Kino.
Das gesamte Cubix am Alex ist nun Festival-Spielort wie auch die Urania… beides bisher wenig geschätzt von uns aus verschiedenen Gründen. Die irre langen Reihen in der Urania sind extrem nervig und sie verhindern bei Generation nun auch sehr die im HKW so tollen Q&As. Und den Alex mögen wir einfach nicht besonders, irgendwie ist mensch da immer „weit weg von allem“.
Nach dem Durchforsten der verschiedenen Programmteile machte sich auch ein wenig das Gefühl breit, die große Spannweite früherer Jahre würde fehlen – liegts wirklich am Wegfall gewohnter Programmschienen, der Verlagerung von Spielorten oder weil wir uns einfach nicht so schnell eingefunden haben – oder ist bisher keine „Handschrift“ der neuen Leitungen erkennbar und der „große Wurf“ fehlt noch?

Wie immer oder doch ganz anders, das muss sich auch erst noch entscheiden – in diesem Jahr bin ich, sind wir aber auch wieder einmal schreibend bei der Berlinale  😀  Und haben schon sehr gute Erfahrungen mit der Tageskasse gemacht, nachdem wir im Vorverkauf gleich mehrfach Pech hatten… allerdings haben wir es dann meistens gleich morgens versucht – dies als weiterer Kommentar zu Es klappt eigentlich immer an der Abendkasse…

23. Februar 2020
von micha
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Daleká cesta – Der weite Weg

Nur vier Jahre nach Kriegsende, 1949 drehte Alfréd Radok in der Tschechoslowakei Daleká cesta – Der weite Weg, einen der ersten Spielfilme über die Shoah. Die Aufführung im CinemaxX ist die Weltpremiere der restaurierten Fassung. Zur Einführung wird erzählt, dass der Film nach seiner Entstehung nach wenigen Vorstellungen aus dem Verkehr gezogen wurde. Die in Tschechien erhaltenen Kopien waren unvollständig, aber ein französisches Archiv besaß noch zwei Positivkopien, die dem Prager Filminstitut (sorry, ich erinnere den genauen Namen der Institution nicht) zur Verfügung gestellt wurden. An der Qualität des Materials wurde nichts geändert, um die kreativen Entscheidungen von Radok so authentisch wie möglich zu zeigen.

Es ist die Geschichte der jüdischen Familie Kaufmann in Prag. Protagonistin ist die große Tochter Hanka, sie ist Ärztin und darf nach der Okkupation der Tschechoslowakei nicht mehr arbeiten. Sie heiratet ihren nichtjüdischen Kollegen Tonik. Das verhindert aber nicht die Deportation ihrer Familie nach Theresienstadt. Tonik schleicht sich dort ein, erfährt aber nur, dass die Familie bereits weiter nach Osten abtransportiert wurden. Der Film zeigt die zunehmende Entrechtung der jüdischen Bevölkerung Prags, die nichtjüdischen Profiteure, das Grauen des Konzentrationslagers Theresienstadt. Immer wieder werden Ausschnitte aus deutschen Wochenschauen und aus dem Riefenstahl-Film Triumph des Willens eingeblendet, was die Atmosphäre von Anfang an sehr beklemmend macht. Als Hanka schließlich auch in Theresienstadt landet, versorgt sie dort die Kranken. Im KZ gibt es kaum explizite Gewalt, aber das ist nicht nötig. In einer Szene kommt ein Transport von Kindern aus dem Osten zurück nach Theresienstadt. Hanka führt die Kinder in die Dusche – es ist wirklich eine, sie dreht sogar das Wasser auf. Die Kinder wissen aber, was es mit den Duschen in den Lagern im Osten auf sich hat und rennen panisch schreiend davon. Erst in dem Moment wird den Arbeitern, die an einem größeren Ziegelbau mauern, klar, dass sie gerade eine Gaskammer bauen.

Am beeindruckendsten fand ich, dass dieser Film so kurz nach Kriegsende so vollständig sein konnte. Es war alles bekannt, es war alles drin. Die Welt wusste Bescheid.

23. Februar 2020
von micha
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El prófugo – The Intruder

Das Intro zum Film ist super: schon bei seinem ersten Auftritt wird klar, dass der übergriffige, schmierige Leopoldo nicht der richtige Mann für Inés ist. Dazu hätte sie gar nicht die Bestätigung der Stewardess gebraucht, die ihr auf dem Flug in den Urlaub im Traum ungewollte Hilfe anbietet. Er überlebt den Urlaub auch nicht. Ende des Intros.

Es scheint sowieso ihr Thema zu sein, sich mit Leuten zu umgeben, die sie kontrollieren: die Mutter, die sich bei ihr einnistet, die Regie im Synchronstudio, wo sie arbeitet, selbst der Dirigent ihres unglaublich tollen Frauenchors – wobei es bei letzteren beiden durchaus zur Jobbeschreibung gehört. Und was ist mit dem jungen Orgelspieler mit den großen blauen Augen? Inés‘ Körper macht komische Geräusche, die auf den Aufnahmen bei der Arbeit zu hören sind. Auch im Chor bleibt ihr die Stimme weg und sie wird zu den Mezzosopränen geschickt. Gelegentlich sieht sie Leopoldo – im Publikum, auf einer Party. Eine alte Schauspielerin erklärt, sie hätte einen Prófugo, einen Eindringling, der von ihr Besitz ergreifen will, und sie müsse ihn loswerden. Traum und Realität lassen sich immer schwerer unterscheiden – ganz besonders für die Zuschauerin. Aber ist Loswerden überhaupt die Lösung? Oder geht es darum, wen wir hereinlassen wollen? Am Ende geht alles überraschend schnell, und die Schlussszene ist wirklich verblüffend. Und verblüffend plausibel.

Mir gefallen die Räume im Film: das Tonstudio mit seinen genial eingesetzten Glasscheiben: es sind gleichzeitig Ines, der Toningenieur und Reflexionen der Filme, die Inés synchronisiert, zu sehen (grusliges Zeug!). Was ich vorher auch nie im Film gesehen habe, ist das Innere einer Orgel.

El prófugo von Natalia Meta sei ein düsterer Film, hieß es. Das stimmt. Aber der Film ist düster und lustig, und das ist eine sehr gute Kombination.

23. Februar 2020
von micha
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Notre-Dame du Nil

Im Eliteinternat tragen die Mädchen Schuluniformen und nachts alle dieselben weißen Nachthemden. Die Schülerinnen blödeln im Schlafsaal herum, nachts tanzen sie im Regen. Die Nonnen teilen die Mädchen zu Arbeiten ein – die Statue der Madonna am Nil putzen (eine der Nilquellen, hier noch ein ganz kleiner Bach), im Archiv aufräumen und andere Aufgaben. Beim Putzen der schwarzen Statue geht plötzlich an der Hand die Farbe ab, und es wird deutlich, dass es eigentlich nur eine angemalte weiße Madonna ist. Im Archiv finden die Mädchen alte Fotos, anhand derer unauffällig Geschichte einfließt.

Das Gift des vermeintlich ethnischen Konflikts wird von Gloriosa, der Tochter eines Hutu-Ministers, in die Schule getragen. Die weiße Mutter-Oberin und der schwarze Priesters tun nichts, um die Eskalation aufzuhalten. Auch der Nachbar, ein weißer Grundbesitzer, mit seinem obsessiven Faible für eine Tutsi-Königin längst vergangener Jahrhunderte, deren Grab er auf seinem Grundstück glaubt, gehört zum System derer, die Differenzen zementieren. Es ist beim Zusehen schwer auszuhalten, aber die Eskalation wird nicht gestoppt.

Ein Afghane – Atiq Rahimi – dreht in Ruanda Notre-Dame du Nil nach dem gleichnamigen Roman von Scholastique Mukasonga. Darf er das? Das war gleich die erste Frage einer Zuschauerin nach dem Film. Ob sie das einen europäischen Filmemacher auch gefragt hätte?

22. Februar 2020
von ulla
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Das Wachsfigurenkabinett

– mein Eröffnungsfilm für eine auch dieses Jahr wieder viel zu kurze Berlinale – teils aus Jobgründen (18 Hausarbeiten, 73 Klausuren, 4 Masterarbeiten, 15 Kleine Aufgaben, 2 Vorträge und 1 Aufsatz wollen bis Ende März bearbeitet werden) und teils privat (80. Geburtstag).

Die restaurierte Fassung des Klassikers aus den 20er Jahren bot Expressionismus vom Feinsten, schräge Kulissen, bedrohliche Böse, verzweifeltes Augenrollen. Vom Original sind 500m = 25 min. verschollen, und mir scheint, die sind vorwiegend aus dem interessantesten 3. Teil, der sehr strange und psychedelisch gewesen sein muss. Davon sind leider nur noch ein paar Minuten übrig. Der erste, ein bisschrn lustige Teil (wie Harun-al-Raschid seinen Arm verlor…) dauerte mir persönlich dafür etwas zu lange. Der zweite Teil (Conradt Veit als wirklich schrecklicher Iwan der Schreckliche) war dagegen auch für heutige Verhältnisse ziemlich gruselig.

Für alle drei Teile gab es neue Musik, dargeboten von einem Ensemble auf der Bühne der Frederick. Der Ansager sagte „Please welcome the director“ – und es kam eine Frau herein. (wer behauptet, man würde da eine Frau mitdenken?) Es war überraschend überraschend. Und: sie war hochschwanger. Das hat mich irgendwie gerührt.  Vielleicht gibt es Fortschritt doch.

22. Februar 2020
von micha
3 Kommentare

Es klappt eigentlich immer an der Abendkasse…

Das sagen jedenfalls manchmal Menschen, wenn das Gespräch das Jahr über auf die Berlinale kommt. Ich kann das nie so richtig nachvollziehen, mir ist es lieber mit einer Tasche voller ausgedruckter Tickets rumzulaufen und zu wissen, welcher Film wann zu sehen sein wird.

Am Dienstag hat es mit dem Online-Vorverkauf nicht geklappt (Browswerfenster braucht um 10:00:00 acht Sekunden, um zu aktualisieren – alle Tickets weg). Also Tageskasse. In der Mittagspause bekomme ich am Zoopalast die Auskunft, es gäbe derzeit kein Kontingent, aber vielleicht käme eine bis eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn noch was rein.

Anderthalb Stunden vor der Vorstellung bin ich wieder da. Die Schlange ist noch nicht sehr lang, sie reicht bis unters Vordach. Kurze Zeit später ist sie schon doppelt so lang. Ein Mann im knallroten Anzug verteilt vom Sponsor spendierte Äpfel, aber mir ist zu kalt für Apfel.

Ein Krishna-Jünger mit Verstärker singt seine Chants zu elektronischen Beats. Mir hat es ja besser gefallen, als die noch so interessante handbetriebene Miniharmoniums spielten. Er ist ein Witzbold, der uns informiert, dass der Eingang zum Zoo da hinten sei. Ich frage mich, ob sich wohl in dieser Schlange ein Missionserfolg ergeben könnte. Vielleicht, wenn jemand die letzten zwei Tickets erwischt. Aber die hätten dann vermutlich nur noch den Film im Kopf und nicht Dankbarkeit für ein höheres Wesen, dessen irdischer Botschafter eben noch so schön gesungen hat.

Die Schlange bewegt sich nicht, offensichtlich tut sich kein Kartenkontingent auf. Die Filmcrew für den Film um 19:00 Uhr kommt an, es gibt was zu sehen. Festlich gekleidete Menschen werden auf dem roten Teppich fotografiert. Sie sind ziemlich bunt, das ist schön.  Vorne am Schalter werden ein paar Karten verkauft. Nicht viele. Titus kommt und stellt sich zu mir, wir warten zu zweit weiter. Irgendwann heißt es, dass für den 19:00 Uhr-Film keine Karten mehr kommen. Einige vor uns gehen weg. Wir schaffen es bis ins Foyer. Die Filmcrew von „unserem“ Film kommt. Einige Männer tragen schöne mongolische Kleidung und Hüte, die Frauen haben Mäntel an, da sieht man es nicht. Kurz danach ist Schluss, es kommen keine Tickets mehr.

Macht auch nichts. Wir fahren in die Fabelei und trinken ein Bier. Dass Abendkasse „eigentlich immer“ klappen soll, war mir immer suspekt.

21. Februar 2020
von micha
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Eröffnung im Friedrichstadtpalast: My Salinger Year

Dieses Jahr gab’s mal wieder Tickets für den Eröffnungsfilm: My Salinger Year von Philippe Falardeau im Friedrichstadtpalast. Da wird zuerst die Eröffnungsgala gezeigt, dann kommt die Berlinaleleitung und bringt noch jemanden mit. Es werden warme Worte ans hier anwesende Berlinale-Fußvolk gerichtet, und dann erst beginnt der Film.

Ich mochte die Eröffnungsgala. Die Berlinale ist politisch und steht dazu. Klare Statements gegen Ausgrenzung, Abschottung und Rassismus. Irgendwer sagte danach, die mussten ja über Hanau sprechen. Kann sein, aber ich hatte den Eindruck, dass es alle dort auf der Bühne aus Überzeugung taten.

Ich mochte auch das neue Führungsduo Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian und Philippe Falardeau, die extra gekommen waren, um uns viel Spaß und eine gute Projektion (ich liebe diesen Ausdruck sehr!) zu wünschen.

Der Film. Ich habe ihn gern gesehen. Irgendwie fand ich ihn auch ein bisschen unspektakulär und hatte befürchtet, ihn zwei Tage später schon wieder vergessen zu haben. Aber dann habe ich diese Besprechung von Michael Sennhauser gelesen, und die wird dem Film viel eher gerecht, als mein kleinliches Verharmlosen: BERLINALE 2020: MY SALINGER YEAR.

Nach vier Stunden auf der berüchtigten Bestuhlung des Friedrichstadtpalasts tat dann zwar alles weh, aber es hat sich gelohnt.

23. Februar 2019
von micha
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Persönliche Bären 2019

Mit einwöchiger Verspätung kommen hier doch noch meine persönlichen Bären. Wie immer quer über alle Sektionen hinweg und höchst subjektiv.

Mein goldener Bär geht an Agnès Varda für Varda par Agnès. Das war der beeindruckendste und schönste Film, den ich dieses Jahr gesehen habe.

Mein Bär für die beste Darstellerin geht an Carolina Raspanti für ihre Rolle in Dafne.

Neu ist der Bär für Kreativität unter schwierigsten Bedingungen. Er geht zu gleichen Teilen an Familie Fazili für Midnight Traveler und die Künstler*innen aus Systéme K.

Und das war’s dann auch schon.