Berlinaleblog

70. Berlinale, 20.02.-01.03.2020

Regarde-moi

Fatimata mit blonder PerückeSelbst in der winzigen Vorankündigung im Tip-Heftchen von Regarde-moi wird bereits verraten, dass der Film denselben Tag in einer Pariser Trabentenstadt in zwei Versionen zeigt: einmal aus der Sicht der Jungs, einmal aus der Sicht der Mädchen. Schade eigentlich, ich frage mich, wie schnell diese Technik ansonsten aufgefallen wäre.

Das Haupthandlungsmotiv ist schnell erzählt: Jo hat das Angebot, die Banlieu zu verlassen, um professioneller Fußballer bei Arsenal London zu werden. Er mag Julie, Julie und Fatimata mögen Jo. Dies führt zu Verwicklungen.

Der Ton zwischen den Jungs ist rauh, aber es geht auch viel um Verantwortung, für jüngere Brüder und noch viel mehr für die Schwestern. Die Hackordnung zwischen den Jungs ist ziemlich klar, der Umgang bei allen Rangeleien im Grunde freundschaftlich. Die Gruppe der Jungs ist gemischt: der weiße Yannick, ein asiatischer Junge, die anderen sind schwarz. Einzig der Dealer ist einigermaßen zum Fürchten. Die Jungs sind einerseits sympathisch, aber die ständig zur Schau getragenen Geschlechterstereotypen nerven einfach auch beim Zusehen: Mädchen sind kleine Schwestern, deren Ruf zu wahren ist oder potentielle Sexobjekte, deren Verwendung durchaus Gegenstand der Verhandlung ist ("dürfen wir uns Julie teilen, wenn du weg bist").

Der Wechsel des Films auf die Frauenseite ist ein kleiner Schock: plötzlich wird die Stimmung um einiges härter und aggressiver. Ob es daran liegt, dass die Regisserin eine Frau ist, die den Männern in ihrem Film einfach weniger Beachtung geschenkt hat? Die Zugehörigkeiten auf der Mädchenseite sind viel eindeutiger: da gibt es die schwarzen und arabischen Mädchen, die zusammen abhängen – gegen die drei Weißen. Aber auch innerhalb der jeweiligen Gruppe herrscht immer wieder offene Aggression, die bei der kleinsten Gelegenheit heftig durchbricht: zum erstenmal, als Fatimata mit blonder Perücke und geschminkt erscheint. Zuerst wird sie von ihren Freundinnen verspottet, erst dann schreitet der große Bruder höchst autoritär ein – gegen die Schwester, nicht deren Freundinnen versteht sich. Und das ist erst der Anfang einer ganzen Reihe sich zuspitzender Handlungsstränge, die alle aus einem immer wieder missglückten Aufbegehren gegen eine soziale Kontrolle entstehen, die sehr erschreckend anzusehen ist. Was am meisten erschreckt ist, dass es so schrecklich realistisch erscheint, dass aus individuellem Unglück an den herrschenden Normen nicht der Ansatz eines emanzipatorischen Gedankens erwächst, sondern im Gegenteil, die Normen gegen jede Abweichung von den Unglücklichen selbst durchgesetzt werden.

Im anschließenden Gespräch erfahren wir, dass Regisseurin Audrey Estrougo 24 ist. Unglaublich. Vielleicht wäre dies der geeignetere Silke-Film gewesen.

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