Berlinaleblog

69. Berlinale, 7.-17. Februar 2019

Glamour: ja, Spaß: nein

Dies wird ein Verriss von Cinderella. Die Autorin reibt sich die Hände: Verrisse schreiben macht Spaß.

Das wird dann aber auch der einzige Spaß sein, den mir Cinderella bereitet. Geneigte Leser mögen fragen: Selbst schuld! Was erwartest Du schon von einer Disney-Märchenfilm mit Weltstarbesetzung? Ich antworte: eine verspielte, glamouröse Sinnenfreude mit Charme und Witz. Das gibt es!!! Das ist keine unrealistische Erwartung! Aber Cinderella hat Protz statt Glamour,  ist überladen statt verspielt, hat Plastikpsychologie statt Charme und  billige Toys’rus-Niedlichkeit statt Witz.

Es war nicht alles schlecht: die Verwandlungssequenzen von Tieren/Kürbis zu Personal/Kutsche und wieder zurück war ziemlich fulminant, und natürlich jedes Outfit der SchönstenFrauDerWelt, die hier die böse Stiefmutter spielt. Die gute Fee (Helena Bonham-Carter) hatte 7 Minuten lang den Witz, den ich von dem ganzen Film erwartet hätte. Und der gläserne Schuh, der hat mir wirklich sehr gut gefallen.

Grundsätzlich sind in dem Film aber nur die Bösen einigermaßen erträglich. Alle Guten sind einfach zum Kotzen: Cinderella, der Prinz, ganz besonders der Vater und die Mutter: quälendes Overacting in jeder Sekunde, ein verzweifeltes Agieren wie Pantominen vor einer Demenzgruppe, und am furchtbarsten: ein Dauergrinsen auch in nichtlustigen Situationen, dass sich noch mir im Kinosessel die Gesichtsmuskulatur verkrampft hat. Nur mühsam gelang es mir, die dumpfen Würg- und Stöhngeräusche zu unterdrücken, die sich meiner Kehle immer wieder entringen wollten.

Dazu die erwähnte Plasikpsychologie im Stile von „Wird er mich auch lieben, wenn ich mich ihm so zeige, wie ich wirklich bin – ein einfaches Mädchem vom Lande?“ Märchen wirken, wenn es gut läuft, ohne ihr eigenes Zutun tiefenpsychologisch, wenn es o.k. läuft sind sie gar nicht psychologisch, und wenn es ganz, ganz schlecht läuft, artikulieren sie alltagspsychologische Pseudoweisheiten. Letzteres passiert hier.

Und wie billig ist es, für die lustigen Szenen animierte Plüschmäuse zu verwenden? Richtig: total billig, und damit’s noch billiger kommt, übernehmen sie gleich noch den ebenfalls nötigen „oh, so cute“-Faktor.

Und der Glamour? Naja, Opulenz muss halt so dosiert sein, dass die tolle Ausstattung auch wirken kann. Zu viele Details werden auch schnell mal zum Weißen (hier: bunten) Rauschen im Hintergrund. Das war hier oft so, wenn auch nicht immer; in Sachen Glamour und Sinnenfreude hat sich der Film noch am Besten geschlagen. Aber auch hier gewinnen die Bösen: Die Stiefmutter und die bösen Schwestern dürfen starke, knallige Farben tragen (Orange, Petrol, Giftgrün, Rot, Schwarz, Gelb, Pink, Purpur), während Cinderella in kraftlosem Rosa und Hellblau durchs Bild huscht.

Wenn ich mal einen knallharten Systemvergleich anhand von Märchenfilmen anstelle, und Cinderella neben „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ stelle:  dann hat eindeutig das falsche System gewonnen…

How! The grumpy old woman hat gesprochen.

 

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