Berlinaleblog

67. Berlinale, 9.-19. Februar 2017

Mittwoch: Doku-Tag

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Drei Dokumentarfilme an einem Tag – Absicht war das nicht, aber großartig.

Becoming Who I Was ist die Geschichte des jungen Rinpoche Angdu, der als kleines Kind als Reinkarnation eines hohen Lamas erkannt wird. Er erinnert sich an sein letztes Leben in einem großen Kloster in der tibetischen Region Kham. Problem: Angdu lebt in Ladakh. Er wird als Kind schon Mönch, aber das Kloster, in dem er seine erste Erziehung erhält, hat bereits einen Rinpoche. Angdu wird weggeschickt und weiter von einem tibetischen Arzt und Mönch erzogen, bei dem er lebt. Das Verhältnis der beiden ist sehr schön anzusehen, wie liebevoll sie miteinander umgehen, wie sie spielen und buddhistische Schriften lernen, worauf der kleine Junge nicht immer Lust hat. Leider kommt in alle den Jahren niemand aus seinem ehemaligen Kloster, um ihn dorthin zu holen. Was nicht wirklich verwunderlich ist, angesichts der chinesischen Tibetpolitik, aber ungünstig für einen Rinpoche ohne Kloster. Irgendwann machen sich Lehrer und Schüler zu Fuß auf den Weg nach Tibet.

Der Film ist von zwei KoreanerInnen, Chang-Yong Moon und Jin Jeon, die den Rinpoche über acht Jahre hinweg immer wieder einige Wochen lang besucht haben, und ihn auch ein Stück auf seiner Reise begleitet haben. Natürlich hat es nicht geklappt, zu Fuß nach Tibet zu wandern. Am Ende ihrer Reise stehen die beiden im Schneesturm in der Nähe der Grenze. Wegen des Nebels können sie auch nicht bis nach Kham schauen, aber der kleine Mönch bläst in sein Muschelhorn, damit seine Schüler in Tibet ihn vielleicht hören können. Das ist sehr anrührend. Aber so ein Studium des tibetischen Buddhismus dauert schließlich viele, viele Jahre, so dass Angdu jetzt erstmal in einem Kloster in Sikkim in Grenznähe weiter lernt.

Die nächste Station ist China: In Almost Heaven beobachtet Carol Salter die siebzehnjährige Ying Ling bei ihrer Ausbildung zur Bestatterin. Das heißt, sie lernt, wie sie die Angehörigen ansprechen soll, wie Tote gewaschen, rasiert, geschminkt werden. Dabei wird immer mit den Toten gesprochen: „Ich wasche Dein Gesicht“, „Wir legen Dich jetzt in ein anderes Bett“. Zuerst übt sie an einer Schaufensterpuppe, dann an den Kollegen, bevor sie die Prüfung ablegt und wirklich zu arbeiten anfängt. Sie mag den Job nicht wirklich, fürchtet sich sehr vor Geistern, aber es ist dennoch beeindruckend, wie ernsthaft und liebevoll sie mit den Toten umzugehen lernt. Mit einem Kollegen freundet sie sich sehr nett an. Beide sind eigentlich noch Kinder und benehmen sich auch so. Die Regisseurin hat sehr sachte und respektvoll gefilmt. Sie erzählt anschließend, dass sie es anfangs nicht wagte, die Toten zu filmen. Erst als das Funeral Home (klingt viel besser als Bestattungsinstitut) den Kunden den Service anbot, die Zeremonie zu filmen, wurde sie aufgefordert, gleich mit zu filmen. Es ist ein unglaublich interessanter Blick in eine sehr fremde Welt. Am Ende geht Ying Ling aber weg und macht eine Ausbildung zur Krankenschwester.

Maman Colonelle ist eine Dokumentation über Colonel Honorine Munyole, Polizistin in der Demokratischen Republik Kongo. Sie leitet eine Einheit zum Schutz von Frauen und Kinder gegen sexuelle Gewalt und ist meine Heldin der diesjährigen Berlinale. Gleich am Anfang des Films wird sie von Bukavu nach Kisangani versetzt, wo ihre Arbeit völlig neu ist, und sie erstmal erklären muss, was sie tut. Es ist unglaublich, was für Reden diese Frau hält, wie sie Frauen auffordert, nicht länger zu schweigen, sondern über das Erlebte zu sprechen, wie sie die Leute anspricht, einander zu helfen und alle bittet, für ihr Projekt zu spenden, und sei es nur ein Stück Kohle oder Seife. Dann sitzen weinende Frauen in ihrem Büro, die grauenhafte Geschichten erzählen. Die meisten wurden im Sechstagekrieg vergewaltigt, ihre Männer und Kinder vor ihren Augen brutalst ermordet. Es gibt aber auch aktuelle Gewalt, vor allem gegen Kinder. Sie werden misshandelt unter der Behauptung verhext zu sein. Es gibt eine sogenannte Prophetin, die eine ganze Gruppe von Kindern misshandelt und hungern lässt, alles mit Erlaubnis der Eltern. Maman Colonelle schafft ein Heim für die Frauen und Kinder und bringt einige Marktfrauen dazu, für ihr Projekt zu spenden. An der Stelle hört der Film auf, und es ist ziemlich erschütternd, im Anschluss zu hören, dass sie später wieder versetzte wurde, ihr Nachfolger ihre Arbeit nicht fortsetzt, die Frauen gehen mussten, aber immerhin einige der Kinder in einer katholischen Einrichtung untergekommen sind.

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