Berlinaleblog

68. Berlinale, 15.-25. Februar 2018

bevor ichs vergesse – Herr Paul Gratzik in „Vaterlandsverräter“

da bin ich dann doch ganz spontan in der praxis vom berichteschreiben aufgesprungen und hab noch ne karte erworben, das colosseum war garnicht voll – seltsam bei perspektive filmen, die waren sonst immer super ausverkauft…

in der eingangsszene rudern paul und die regisseurin annekatrin händel über einen see, herr gratznik in übler laune: dieses ganze geschwätz von wegen schuld und reue, laß mich damit in ruhe……. eine hasstirade auf ackermänner und kapitalismus zeichnet ein bild eines alten, verhärteten kauzes, dessen größtes hobby sein schnapskeller zu sein scheint… gebrochen, selbstironisch, unglaublich schwarzhumorig, wortgewandt, eigenbrödlerisch, grummelig…. dieser mann ist facettenreich, interessant, erlebenswert, einfach weil es unglaublich komplex und spannend ist, einen solchen menschen zu erleben… der mich nach und nach durch seine intelligenz, seinen wortwitz, seinen sehr eigenen charme und seine direktheit einnimmt…..ein einsames gehöft in brandenburg, in dem die temperatur wohl unter null grad fällt, da paul feststellt, daß seine zähne im wasserglas einfrieren, unterstreicht die eindrücke, wir tauchen ein in eine geschichte eines alten mannes, der über liebschaften die welt der künstler und schriftsteller kennenlernt, als stasi-IM alias "peter" zunächst schriftstellerisch-grauslig formulierte berichte verfasst (großartig die impulsive szene, in der seine geliebte, die opernsängerin renate biskop, auf dem foto gratzniks bruder erkennen will, da sie sich nicht vorstellen kann, daß ihr paul diese diffamierenden, noch dazu schlecht formulierten dinge über sie geschrieben hat). später wechselt paul die seite, outet sich selbst…

sehr aufschlussreich auch die gespräche mit gratziks führungsoffizier günter wenzel, der ihn
zunächst protegiert und dann später fallengelassen hat, frei von jeglicher reue, kühl und sachlich, im grunde noch immer völlig überzeugt von der richtigkeit der überwachungsverfahren in der ddr, liest er uns aus den stasi-akten vor… oder die tochter, die heute straßenbahnen in dresden fährt, und an deren geburtsdatum sich paul nicht mehr erinnern kann…

schließlich steht paul gratznik dann im colosseum vor uns mit den worten "ihr könnt mich alles fragen", leider fragt keiner, was auch, so spontan…im grunde spricht dieses portrait von ihm für sich! und: das bonus-material, das es auf der hoffentlich erscheinenden dvd geben wird, möchte ich eigentlich unbedingt sehen, ich hätte gerne noch eine weitere stunde diese wunderbaren, geistreichen, skurilen dialoge erlebt…

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