Berlinaleblog

71. Berlinale für uns vielleicht im Juni

Ciao Ciao – das Grauen wohnt auf dem Land

Ein Zug fährt durch eine schöne Landschaft in Yunnan – die Erde ist rot, die üppigen Pflanzen sind grün, und das sind auch die immer wieder bedeutungsschwer eingesetzten Farben in Ciao Ciao von Song Chuan. Ciao Ciao (巧 巧 – müsste eigentlich in Hanyu Pinyin mit Q geschrieben werden und bedeutet „geschickt“) ist eine junge Frau, die aus Kanton aufs Land zu ihren Eltern zurückkehrt. Eigentlich will sie da so schnell wie möglich wieder weg. 

Ihr Vater bringt überhaupt nichts zustande und verlangt ständig, dass sie sich – da er keinen Sohn hat – um ihre Eltern kümmern müsse. Er selbst verbrät das Geld, das die Mutter mit ihrem Kiosk verdient, für fragwürdige Heilmittel, braut auch schon mal selber Schlangenschnaps – und nach einem tüchtigen Schluck aus der großen Pulle wirft er sehr selbstgewisse Blicke in Richtung seiner Gattin. Die ignoriert ihn weitgehend. Sie macht den meisten Umsatz mit dem gefälschten Maisschnaps aus der Brennerei von Herrn Li, mit dem sie auch ein Verhältnis hat. Da der Schnapsbrenner ständig Polizei und Bürgermeister besticht, hofft, er vor Razzien rechtzeitig gewarnt zu werden. Sein Hallodri-Sohn fährt seinen Schnaps aus und verspielt dann die Einnahmen, so dass der Vater Polizisten Zigaretten anbieten muss, damit sie den Sprössling laufen lassen. Mit dem nichtsnutzigen Sohn fängt Qiao Qiao bald eine eher unerfreuliche Beziehung an. Andererseits findet sie auch den Frisör, der angeblich auch schon in Kanton war, ganz attraktiv.

Soweit die Ausgangslage. Zwar hat der Film ein paar nette Einfälle (die Schlangenjagd und -verarbeitung, die Verabschiedung der Landflüchtigen durch den Bürgermeister und die schreckliche Schulkapelle) und die Farben und die Landschaft sind sehr schön anzusehen. Leider sind die Protagonisten allesamt reichlich unsympathisch (ok, der Friseur geht). Qiao Qiao stolpert mit ihren hässlichen Schlappen mit hohem Blockabsatz durch Reisfelder und über Hügel, tauscht Sprachnachrichten mit ihrer Freundin in Kanton aus, fährt beim Hallodri auf dem Moped mit und guckt hauptsächlich genervt. Es macht keinen Spaß, ihr dabei zuzusehen, und die Verwicklungen, in die sie sich hineinmanövriert, sind nur mit sehr viel gutem Willen nachzuvollziehen.

Natürlich wissen wir, dass das Grauen auf dem Land lebt, und dass widrige Lebensumstände oder einfach nur unerträgliche Langeweile nicht gut für die Charakterbildung sind. Aber müssen denn alle so schrecklich unangenehm sein? Am Ende fährt der Zug in die andere Richtung durchs Tal, und der Film ist aus. Der Regisseur Song Chuan gesteht im Anschluss ebenfalls aus Yunnan vom Land zu kommen und in die Stadt geflüchtet zu sein. Vermutlich fand er es wirklich so furchtbar dort.