International

Erinnerung und Infrastruktur

Alzheimer und Containerkräne – wie soll das zusammengehen? Undenkbar, da einen Bezug herzustellen, oder? Doch, Menschen können das, und zwar so: Die Mutter von Madhusree Dutta, Regisseurin von „Flying Tigers“ hat Alzheimer, und die Krankheit löscht nicht nur viele Erinnerungen aus, sondern spült auch andere nach 80 Jahren Vergessen wieder nach oben. So befiehlt eines Abends die Mutter, man solle schnell die Fenster schließen, denn die Fliegenden Tiger seien unterwegs, das sei gefährlich.

Das klingt erstmal ziemlich dement, aber Frau Dutta (die in Köln lebt) findet heraus, dass ihre Mutter die ersten vier (!) Lebensjahre auf einer Teeplantage in Assam verbracht hat. Das war zwischen 1940 und 1944, und in der Zeit betrieben die USA von Indien aus eine Luftbrücke nach Südchina (Kunming), um die Kuomintang (hope I got that right) im Kampf gegen Japan zu unterstützen.

Und die Flugzeuge dieser Luftbrücke, die täglich über das Haus auf der Plantage brummten, nannte man „Flying Tigers“. Das ist gar nicht obskur, es gibt Dokumentationen und Museen darüber. Also war das schon mal eine Wahrheit, die durch Alzheimer herauskam. Frau Dutta suchte sich dann Leute in oder mit Bezug zu den Orten, um die es in der Geschichte geht: Kunming, Assam, die ethnischen Gruppen im Gebirgszug über den Himalaya („The Hump“), der damals mit seinen thermischen Tücken viele Flugzeuge zum Absturz gebracht hat.

Und hier kommt die Infrastruktur ins Spiel: so eine Luftbrücke braucht unheimlich viel davon: Bahngleise, Straßen, Lagerhäuser, Rollfelder – und hinterlässt auch Spuren: Trümmerteile, Schrott, verwitterte Schilder, Memorabilia. Nach diesen Resten sucht Frau Dutta mit ihrer chinesischen Freundin und dem indischen Mitstreiter. Damals wurde auch eine Autostraße über den Himalaya gebaut, 1000 Meilen lang, 4 Jahre Bauzeit, 1 Unfalltoter pro Meile (1 amerikanischer – die indischen wurden nicht dokumentiert). Nach dem Krieg verschoben sich die politischen Allianzen und Grenzen wurde neu gezogen bzw. dicht gemacht – und damit die frisch gebaute Straße still gelegt.

Das ist nur eine der vielen Geschichten, die zum Vorschein kommen – es gibt vielerlei Verzweigungen und Verbindungen von den Fliegenden Tigern, über die Neue Seidenstraße bis in ein griechisches Restaurant in Duisburg und bis zu den Trümmerfrauen in Berlin und vielem anderem, der polnischen Spurweitengrenze zum Beispiel. Überall spielt Infrastruktur im offensichtlichen Sinn (Straßen, Gleise, Häfen, Kräne) eine Rolle. Dazu gibt es den Infrastruktur-Song von Bo Widget und Monika Ringk, sehr cool.

In der Q&A bedankt sich Frau Dutta bei ihrer Mutter für die Inspiration zum Film und meint, man solle auch mal die kreative Kraft von Alzheimer würdigen.

Um alles zu verstehen und alle Verbindungen zu realisieren, müsste man den Film auf jeden Fall nochmal sehen. Es war ein großes Vergnügen, wenn auch ein sehr intellektuelles.


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