Der Film von Mahnaz Mohammadi beginnt aus der Perspektive der Gefangenen Roya, ohne dass sie selbst zu sehen ist. Finger tasten in die Wand geritzte Linien ab, das Neonlicht der Zelle flackert die ganze Zeit. Dann wird zum Verhör gerufen. Roya muss ein Tuch überwerfen und eine Augenbinde so anlegen, dass sie nur die eigenen Füße sieht. Sie wird durch Gänge gezerrt, gestoßen, geschlagen, beschimpft. Mehrere Männer der sogenannten „Unit 400“ melden, dass die Gefangene jetzt bereit zum Verhör ist. Der Verhörer muss noch kurz mit seinem Töchterchen zu ihrem Geburtstag telefonieren, dann hat er Zeit für Roya. Sie soll vor laufender Kamera ein Geständnis verlesen, um Freigang zu bekommen.
Hier muss ich jetzt spoilern, weil ich mich über einen Artikel in der taz geärgert habe: Godard auf Iranisch. Andreas Fanizadeh war entweder nicht bis zum Schluss im Film, oder er ist zwischendurch eingenickt – für beides hätte ich überhaupt kein Verständnis. Oder er plappert einfach nach, was er bei Mohammad Shirvani verstanden haben will (dass „die anderen iranischen Regisseur*innen“ vor allem das Leiden der iranischen Bevölkerung beschreiben, um das Interesse eines internationalen Publikums zu gewinnen). Er schreibt: „Dennoch ist an ‚Roya‘ aus filmischer Sicht zu hinterfragen, ob das Werk nicht zu sehr der dokumentarischen Form verhaftet bleibt? Der naturalistische Stil setzt sehr darauf, beim Publikum emotionale Betroffenheit hervorzurufen und es von den Grausamkeiten des Islamistenregimes zu überzeugen.“ Das ist grober Unfug. Thema ist nicht emotionale Betroffenheit des Publikums, sondern das Erforschen der Auswirkungen der Isolationshaft auf den Geist. Wie Mensch bleiben, unter diesen Bedingungen?
Wer auch nur das Programmheft gelesen hat, konnte ahnen, dass hier eben nicht dokumentarisch abgefilmt wird. Ich habe es auch nicht gleich bemerkt, aber was wir zu sehen bekommen, ist nicht Freigang zu einer Beerdigung, sondern findet in Royas Kopf statt. Ihre „inneren Landschaften“ sind fürs Publikum nicht gleich als solche zu erkennen, aber es gibt ständig surreale Irritationen, die zuerst nicht richtig zu verstehen sind. Warum sind die Neffen mal ganz nah, mal unerklärlich weit weg? Warum flackert das Licht in ihrer Wohnung genauso wie in ihrer Zelle? Warum ist sie die ganze Zeit allein, wo sie doch bei ihrer Familie sind müsste? Was hat es mit der Szene mit ihrem Vater auf sich?
Als die Eingangsszene erneut abläuft, mit identischer Tonspur, jetzt aber mit mehr Draufsicht für die Zuschauerin, wird es endgültig klar: da war kein Freigang, Roya gibt nicht nach, sondern landet in der Psychiatrie – dort gibt es in der allerletzten Szene einen klitzekleinen Sieg gegen das System und Roya gelingt ein sehr schönes Lächeln.

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