Mein Tipp: bei Filmen auf Schafe achten!

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Denn Fime mit Schafen drin bewähren sich eigentlich immer. Das galt für Brokeback Mountain, dann für Sweetgrass (dem Film zum Film), ein gewisser Weise auch für 37 uses for a dead sheep und es gilt jetzt ganz besonders auch für Hiver nomade, dem Dokumentarfilm über zwei Schäfer (Mann,Frau), die den ganzen Winter über eine Schafherde in Bewegung halten, damit die Schafe an den Rest von Grünfutter kommen, der auf den Wiesen noch so zu finden ist.

(Ich würde mich über weitere Hinweise auf Filme-mit-Schafen-drin aus der geneigten Leserschaft sehr freuen! Wir können ja eine kleine Schafsfilm-Filmographie versuchen…)

Das bedeutet, dass die Schäfer vier Monate lang durch Schnee
und Regen stapfen, unter einer Plastikplane oder ganz ohne Dach schlafen
und alle paar Tage mal Feuer machen und eine warme Mahlzeit zu sich
nehmen. Dementsprechend vergeht auch fast eine ganze Stunde, bis das
erste (und einzige) Mal im Film die Sonne scheint. (Und in den anderthalb Minuten kann man dann Liebe sehen, ich schwör’s.)  Bis dahin sieht man einen Haufen Tiere,
Autobahnen, Vorgärten, Dämmerung, viel Schnee, wenig Schnee, kein Schnee
aber Regen, Eis, Austern, Foi gras, Schicksalswinke und anderes
mehr.Der Mann macht das jeden Winter seit 32 Jahren, also muss was dran
sein. Die Frau macht es noch nicht so lange, hat aber dafür ihr
vorheriges Leben aufgegeben.

Ob es wohl ein Schäfer-Casting
gegeben hat? Man könnte es fast glauben, aber es ist wohl Zufall, dass beide
Schäfersleute so schön aussehen. Es gibt dem Film aber einen Extra-schuss Genuss (wie die Austern bei strömendem Regen). Davon abgesehen ist er klug und unsentimental:

– Die Schäfer ziehen mit 800 Schafen los und kommen mit 20-30 wieder zurück. Die restlichen 750 sind im Lauf des Winters zum Schlachten abgeholt worden, besonders zu Weihnachten. Offensichtlich ist die ganze Mühsal dazu da, das Fleisch kräftiger und die Schafe schmackhafter zu machen. Was mit höchstem Lob der Gastronomen belohnt wird.

– Ohnen einen einzigen Voice-over beantwortet der Film alle Fragen, die man beim Zusehen so entwickelt: Warum machen die das und wie lange schon? Wie lenkt man einen Schafherde? (*Antwort s.u.) Wie putzen die sich die Zähne? Können die auch mal duschen? Wie sind sie zu dem Job gekommen?

Und sorry, Folks: der Bär für das beste Filmtier ist definitiv bereits vergeben. Und zwar seit dem Moment, in dem die Schäferin sich aus ihrem Plastik-Militärponcho pellte, eine halbe Minute in der Tasche ihres Schäferpulis herumwühlte und ein kleines schwarzes Hündchen herauszog: Léon der Reizende, ein kleiner Welpe. (Kitsch? Passt auf, was Ihr sagt. Sagt es erst wieder, wenn Ihr das gesehen habt und nicht berührt wart.)

Für Schäferromantik ist in dem Film kein Platz, wohl aber viel Sinn für die Tiere: neben den Hunden gibt es noch drei Packesel und natürlich die Schafe, die sehr respektvoll in Szene gesetzt werden. Es hat schon einen gewissen Wow-Effekt, wenn 800 lebende Wesen einer Frau mit einer Tüte voll trockenem Brot hinterherlaufen.

 Bleibt nur noch die Frage, ob der Schäfer auch so gut fluchen kann wie der in Sweetgrass? Jedenfalls gibt es auch hier den Punkt, an dem beide die Nase von dem Job gründlich voll haben. Hilft nichts, im nächsten Jahr werden sie es wohl wieder tun. Insgesamt aber (auch das beantwortet der Film nebenbei) ist das ein aussterbender Beruf: man ist monatelang rund um die Uhr im Dienst und hat nie frei. Vom Wetter mal ganz abgesehen.

Die Bilder, der Rhytmus, der Schnitt sind perfekt. Und dann gibt es auch noch sehr schöne Musik in sehr feiner Dosierung.

Wunderbar! Was für ein toller Start in diese Festspiele!

(Deshalb ist der Eintrag auch ungewöhnlich lang geworden. Sorry Micha, ich musste es tun!)

* Antwort: man findet ein paar Schafe, die besonders helle und
anhänglich sind. Diesen bindet man eine Glocke um und gibt ihnen Namen.
Dann lockt man sie mit trockenem Brot an, so dass sie einem auf dem Fuße
folgen (die Schäferin vorne muss also quasi ständig rückwärts laufen).
Die anderen 800 Schafe laufen dann in der Regel hinterher, wenn von
hinten gelegentlich 1-2 Hunde schieben. Ein zweiter Mensch sollte hinten
aufpassen, dass keins verloren geht. So einfach ist das  🙂

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. micha

    Wieso Sorry? Der Film hat’s verdient, so lang und schön besprochen zu werden, und ich bin ganz froh, dass Du es gemacht hast! Genau so war’s.

  2. Micha

    A propos Filmographie: habe mich eben in der Radio 1 Lounge mit einer Frau unterhalten, die noch einen Schaffilm aus den Karpaten kennt. Schafmist, den Titel konnte ich mir nicht merken.

  3. Logopaede

    Den Film möchte ich mir nach dieser Beschreibung gerne ansehen und eine Schafologie ist eine spitzenmäßige Idee.

  4. Jo

    nach dieser ganz wunderbaren beschreibung von ulla, die ich mir bis nach dem film aufgehoben habe, weiß ich nicht mehr viel hinzu zu fügen, außer:
    ich bin dafür – für die schafologie, meine ich… und grüble schon fleißig!
    der winzige leon – in der tat ein großes vergnügen!
    aber: irmande – das vorauslaufende, kluge, dunkle schaf, ich finde, sie hat auch chancen zum besten filmtier, auch wenn sie nicht aus dem hut gezaubert wurde…
    und auch die mit dem neuen-alten verrosteten glöckchen ausgestattete, schwarznasen-schäfin marilyn (ganz wunderbar, wenn das auf französisch ausgesprochen wird) ist nicht zu verachten…
    den dialog mochte ich:
    schäferin: ist die nicht ein hübsches schaf?
    er ganz trocken: die schafe sind alle schön!
    sie: aber sie ist doch wirklich hübsch?
    unter 800 schafen als besonders wahrgenommen zu werden ist doch wirklich prima!
    ich war im übrigen mit karl-heinz im kino, der 2 mal für die saison als alpsenn rinder gehütete hat. da kommt man auf ideen……
    sollte einer von euch lust bekommen, einen solchen job zu machen, schaut auf http://www.z`alp.ch
    beste grüße in die kinorunde!
    jo

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