Flotel Europa

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Das war dafür ein wirklich toller Film und prima Einstieg in die Filmfestspiele!

Der Regisseur hat, soweit ich das sehen konnte, keinen einzigen Meter selbst gedreht, sondern den Film komplett aus 20 Jahre alten Videobändern (und einem serbischen Partisanenfilm) , einem Voice-Over und schöner Musik zusammengebaut.

Die Videobänder haben die bosnischen Flüchtlinge gedreht, die 1992-1994 auf einem schwimmenden Hotel im Kopenhagener Hafen untergebracht wurden, so lange sie auf die Genehmigung ihrer Asylanträge warteten. Zu der Zeit funktionierten die Telefonleitungen nicht, und deshalb schickten sie die Videos zur Verwandtschaft im Kriegsgebiet.

Es muss hunderte Stunden von diesem Material geben, das Filmteam hat die gesammelt und digitalisiert und zu einer autobiographischen Geschichte zusammenmontiert. Da es die Geschichte des Regisseurs als 10-jährigem ist, spielt der Krieg darin nur eine (unter mehreren Rollen). Dass die Schule ausfällt ist wichtig, und das eine Mädchen aus der Volkstanzgruppe. Und die Kumpels, für die Sex, Drugs and Rock’nRoll wichtiger sind, als zu welchem Lager einer gehört. Einer wurde zuhause gleich von zwei gegnerischen Kriegsparteien einberufen  – da ist er abgehauen, damit er „nicht womöglich auf sich selber schießen muss“. Er hat sich dann im sicheren Dänemark doch noch selbst erschossen, aber mit einer Spritze.

Dass hinter dem Lustigen ganz schön viel Verzweiflung herrschte, sah man auf den Bildern vom Fernsehraum, in dem 24 Stunden am Tag ca. 50 Leute schweigend auf den Fernseher stierten, um die aktuellen Kriegsbilder aus Bosnien zu verfolgen, aber vor allem, um darauf veilleicht eine Sekunde lang jemand Bekanntes zu sehen.

Besonders gut hat mir die Musik in dem Film gefallen, sie spielt darin (und in der Zeit selbst) eine große Rolle. Wunderbar die Montage, bei der die Volkstanzmädels zum Popsong auf dem Walkman des Erzählers tanzen: Besser – und einfacher – kann man nicht zeigen, wie sich im Leben eines Menschen zwei Kulturen vermischen. Und großartig war auch der desillusionierte jugoslawische Popstar, der nur mit einer akustischen Gitarre eine blöde, halbleere Turnhalle zum Leuchten brachte.

Doch wirklich, ein toller Film.