Dienstag, 21. Februar 2012
Das war's von mir
Zwei Tage lang hatte ich das Gefühl, vielleicht alles ohne weitere Wertung so stehen lassen zu wollen, aber das geht doch nicht - schon, weil es nächstes Jahr sicher wieder nett ist, nochmal schnell die Zusammenfassungen aus dem Vorjahr zu lesen. Erstmal Euch wieder vielen Dank fürs Mitschreiben, ohne Euch würde es längst nicht so viel Spaß machen, ich freu mich jedes Mal, wenn ich reinschaue und ein neuer Artikel da ist. Und liebe Ulla, vielen Dank für die Blumen, ich gebe sie gerne zurück: es war mir ein Vergnügen, so viele Filme mit Dir zusammen zu sehen. Sehr gerne wieder.
Mir hat die Berlinale dieses Jahr sehr gut gefallen, da liege ich also mal ganz im Trend - sonst gefällt es mir ja auch meistens gut, auch wenn in den letzten Jahren in den Medien teilweise schwer über Herrn Kosslick hergezogen wurde. Aber das liegt vielleicht auch an meinem extrem schlechten Gedächtnis, das mich doofe oder nichtssagende Filme praktisch innerhalb von Stunden vergessen lässt. Für die Statistik: ich habe 18 Spielfilme, 9 Dokus und ein Kurzfilmprogramm gesehen (Ungarn 2011).
Trotz schlechtem Gedächtnis gibt's einen Dreckbären: Mai-wei - der Film kann wahrscheinlich nichts dafür, da war ich selber Schuld, statt einem Kriegsfilm einen Marathonfilm zu erwarten. Blöd fand ich ihn trotzdem. Vor allem den Schluss. Und den Mittelteil. Oder sagen wir die letzten 114 von 144 Minuten.
Verlorene Filme - für Electrick Children ist es mir auch nicht geglückt, eine Karte zu bekommen. Komisch, dass ich auch nirgendwo eine Besprechung gelesen habe - ob das ein Versäumnis war oder doch nicht? Für Parada hoffe ich schwer, dass sich schnell noch ein Verleih findet (in Radio eins klagte der Regisseur ein bisschen darüber, dass in allen Nachbarländern von Deutschland bereits ein Verleih gefunden ist, nur hier nicht, aber Herr Elstermann beruhigte ihn, dass noch jeder Film, der den PPP bekommen hätte, ins Kino kam).
Der aufwändigste Kartenkauf fand für 12 Sisters statt: Misserfolg online, im Vorverkauf drei Tage vorher und an der Tageskasse morgens um 10 - Erfolg dann abends beim Restkartenkontingent. Aber der Film hat den Aufriss gelohnt, denn das war wirklich eine Rarität. Sehr schön war es, die Doku Le sommeil d'or noch dazu zu sehen, die Kombination war so ein richtiges Berlinale-Erlebnis.
Mein Lieblingsdokumentarfilm blieb bis zum Schluss Hiver nomade - das war schon ein toller Einstieg ins Festival. Vielleicht sollte ich es mal mit Top Five versuchen? Hier die Dokumentationen:
- Hiver Nomade
- Words of Witness/In the Shadow of a Man (hihi, prima Trick, das Doppelprogramm teilt sich einen Platz)
- La Vierge, les Coptes, et Moi
- Le sommeil d'or
- Bestiaire
Die Top Five Spielfilme - das wird ja noch schwerer? Oder nein, doch nicht:
- Rebelle
- Paziraie Sadeh (Modest Reception)
- Man On Ground
- Rentaneko
- 12 Sisters
- Highway (sind sechs? Macht nix)
Es gab zwar noch mehr Filme, die mir gefallen haben, aber das sind die, die jetzt nach zwei Tagen beim Blick auf den Kalender noch am präsentesten sind.
Danke für den Anlass, das Gesehene zu verarbeiten, liebe Micha!
Nun ist es doch kein eben-mal-schnell geworden mit dem Berlinale-Resümee und die erste Forums-Wiederholung im Arsenal (Bestiaire) ist gestern auch schon gelaufen. Auf diese schöne Gelegenheit habe ich ja eben schon hingewiesen. Weitere Filmbesprechungen von mir wirds wahrscheinlich doch nicht geben,weil jetzt erst wieder einmal der Alltag zuschlägt und andere Freizeitvergnügungen warten - aber vielleicht komme ich doch noch dazu, ein paar weitere Links einzubauen.
Und es war mal wieder schön, mir durchs Schreiben nochmal über das Gesehene klarzuwerden und die Filme sacken zu lassen. Dafür kann ich Dir nicht genug danken, liebe Micha!
Interessanterweise haben wir dieses Jahr fast niemand Bekanntes (auch niemanden von euch) in den Filmen getroffen - und ihr habt ja anscheinend auch ganz anderes geschaut - oder auch andere Ansichten von den Filmen. Da ist dann doch noch die eine oder andere Empfehlung dabei gewesen: Rentaaaaaneko werde ich mir merken! Und die koptische Marienerscheinung auch... und What ist love.
Berlinale 2012: das wars
... in aller Kürze und bevor dann vielleicht doch noch ausführlichere Besprechungen kommen, denn nun musste ich am Sonntag statt Schreiben mal etwas telefonieren am Vormittag, und dann gings zum abschliessenden Film Espoir Voyage ins Delphi. Und ab dann wartete der Alltag...
Also: was war die diesjährige Berlinale? Erfreulicherweise kein Total-Ausfall und ein paar Filme, die in Erinnerung bleiben werden.
Viele Dokumentationen (10), bei denen etliche unter dem Aspekt der Machart interessant waren:
- Bagrut Lochamim war ein Lehrstück in Sachen Verfasstheit der israelischen Armee bzw Gesellschaft. Im Angesicht unserer Neo-Nazi-Katastrophen hier in Deutschland sehr sehr aufschlussreich. Hoffentlich kommt er ins Fernsehen. Sollte er im Kino landen: unbedingt empfehlenswert, insbesondere wegen der Thematik. Zu dieser ist in der aktuellen Ausgabe von "Le monde diplomatique" auch ein passender aufschlussreicher Artikel Kafka im Westjordanland. Wer ihn sehen will: kommt im Berlinale-Wiederholungsprogramm des Arsenal am 21.2. nochmal um 21 Uhr.
- Escuela normal ist ein gelungener Film und gibt einen fernseh-geeigneten Einblick in den Alltag einer argentinischen Schule - und wirft ein Schlaglicht, wie weit Demokratie in Argentinien mittlerweile gediehen ist.
- Hiver nomade weil wir die ganze Zeit wie selbstverständlich dabei sein dürfen - und erst mit etwas Abstand wird klar, dass es etwas Besonderes ist, hier so selbstverständlich zuschauen zu dürfen. Dass der Film zu unserem Interesse am Nomadischen passt, keine Frage. Dass der Film von einem Musiker und Komponisten gemacht wurde, wundert nicht mehr, wenn man über den stilsicheren Einsatz der Musik und der Schnitte nachdenkt. Und alles weitere hat ja Ulla schon gesagt! Wer ihn sehen will: er kommt im Berlinale-Wiederholungsprogramm des Arsenal am 22.2. nochmal um 19 Uhr.
- Habiter/Construire wegen des Themas des Flechtens und der traditionellen Mühlsteine, zu denen seit Generationen gegangen wird zum Mahlen. Hintergrund: Video-Künstlerin besucht ihren Mann, der an dem Strassenbauprojekt in der Wüste des Tschad beteiligt ist undsoweiter...
- Indignados - dazu habe ich schon geschrieben... (am Rande: warum in dem Artikel ein Absatz eine andere Schriftgrösse hat, habe ich immer noch nicht enträtselt)
- Jaurès wegen dem schönen Verwirrspiel mit Realität: was dokumentiert denn eine Dokumentation und mit Empathie: wie entsteht sie? Und damit als Film schlicht gelungen!
Montag, 20. Februar 2012
Halt - das geht nicht!
Hm. Nur die schlechten Filme aufzählen geht irgendwie doch nicht. Da bekommen sie ja mehr Platz als die guten.
Also muss ich doch nochmal ran und das Schöne an diesen Festspielen festhalten. Bären möchte ich nicht vergeben, aber an diese Filme werde ich mich für 2012 auf jeden Fall erinnern:
- Schiwoi trup, der lebende Leichnam
- What is love
- Nomade hiver
- Le sommeil D'or und 12 Sisters
- La vierge, les coptes et moi
- Parada
- Chinti, und natürlich
- Re-hent-aaaaaaaaaaaa - neko!
Eine Bären vergebe ich doch: den Gummibären, und zwar an Haribo für die neuen scharfen Ingwer-Zitrone-Gummis. Die schmecken echt lecker und waren der Geschmack dieser Berlinale, bis der Gaumen brannte.
Ganz besonders schön war in diesem Jahr, dass ich so viele Filme mit Micha zusammen gesehen habe, und das ganz ohne Planung! So darf's wieder sein! Und seit vielen Jahren habe ich diesmal (endlich) wieder das Gefühl, dass es ruhig noch ewig weitergehen könnte mit Filmegucken, Spazierengehen und Schreiben...
Aber was soll's: es muss geschieden sein. Lebt wohl, Berlinale und Blog, bis zum nächsten Jahr!
Ullas Anti-Bären
Gestern habe ich angefangen, den Rückschau-und-Bärenverteilungs-Eintrag zu schreiben. Das hat gar keinen Spaß gemacht, weil ich in diesem Jahr so viele gute Filme gesehen habe, dass ich eigentlich keinen rauspicken möchte. (Für die Statistik: es waren 25 Filme, davon 6 Kurzfilme, sagenhafte 12 Spielfilme (Rekord!) und 7 Dokus).
Deshalb habe ich mir überlegt, dass es schneller und schmerzloser geht, wenn ich diesmal eine Liste der Filme mache, die definitiv keinen Ulla-Bären bekommen.
Ganz oben auf der Anti-Bären-Liste und haushoher Gewinner des Dreckbären ist - Surprise!:
- Tabu
Dann kommt sehr lange nichts, und dann kommt der von mir noch gar nicht besprochene Film
- Mustafas Sweet Dreams (Generation) - den fand ich fragwürdig, weil er als Doku begann und als Spielfilm endete und mit uns ein Spiel gespielt hat. Und dass der titelgebende Mustafa nach dem Film nun nicht mehr Baklava-Bäcker werden will, sondern Schauspieler (wie er im Publikumsgespräch sagte), gefällt mir überhaupt nicht. Das kann böse enden, und der Regisseur wirkte nicht so, als sähe er die Gefahr.
Weiterhin keinen Bären wegen mangelnder Eindrücklichkeit bekommen
- No Man's Zone
- Cherry (sorry, Micha, ich fand der ging so)
- Die Kinder vom Napf
So - und der Rest waren eigentlich alles sehr schöne Filme!
In die "verlorene Filme"-Kiste (wir erinnern uns: Filme, die ich verpasst habe und nun wahrscheinlich nie wieder sehen werde) kommt in diesem Jahr nur "Bestiaire" - halt: "Electrick Children" hat gar nicht geklappt - aber ob der das Gucken wert gewesen wäre? Keine Ahnung, nichts darüber gelesen.
Sonntag, 19. Februar 2012
Zu viel zum Schreiben
Manchmal ist die Berlinale nur noch zum Gucken da, nicht mehr zum Schreiben, da komme ich einfach nicht hinterher. Gesehen habe ich in dieser Reihenfolge:
- Hiver nomade - die Doku über die Schweizer Schäferreise (Text von Ulla)
- Highway - nepalesisches Roadmovie
- Aelita - Der Flug zum Mars vom Meschrabpom-Studio in der Retrospektive, auch sehr klasse! Und: eigentlich war von Anfang an klar, dass die Marskönigin keine Gute ist - bei den Augenbrauen.
- Die Kinder vom Napf - Kindheit in abgeschiedener Schweizer Berggegend, Besprechung von Uta.
- La Vierge, le Coptes, et Moi - Marienerscheinungen in Ägypten
- Ang Babae sa Septic Tank - Filmemachersatire
- Iron Sky - Text hier
- Mai-wei - ist KEIN Marathonfilm, grummel
- Bestiaire - Tiere sind dieses Jahr wichtig
- Maori Boy Genius - Generation 14, Doku über einen Maori Jungen, der für die Kultur seines Volkes kämpft
- Puthisen Neang Kongrey - 12 Sisters, darüber hat Ulla geschrieben.
- Cherry - Text hier
- No Man's Zone - mit Text von Ulla
- Tabu - auch da schrieb Ulla.
- Paziraie Sadeh (Modest Reception) - hier gibt's einen Text.
- Mommy is Coming - Slapstick-Komödie mit Tabubruchsversuch im queeren Berlin. Hauptsponsor offensichtlich das Axel-Hotel.
- Le Sommeil d'or - dazu gibt's einen Text von Ulla.
- Una Noche - Kuba, gut erzählte Geschichte von Elio, der in Raul verliebt ist und ihm deshalb helfen will nach Florida zu fliehen, und seiner Zwillingsschwester Lila, die von dem Plan erfährt.
- Rentaneko - hat Ulla sehr schön besprochen.
- Xingu - total konventionell und sehr langweilig.
- Words of Witness - Dokumentarfilm, der der jungen Journalistin Heba Afify folgt, die über die Geschehnisse um den Sturz Mubaraks und danach berichtet. Sehr schön, wie ihre Mutter Facebook lernt. Ich wäre ihr ja gerne auf Twitter gefolgt, aber anders als im Film twittert sie in echt leider auf Arabisch: @hebaafify.
- In the Shadow of a Man - tolle Porträts von vier großartigen Ägypterinnen. Für das Statement der Ältesten (69) "Divorce is Freedom" gab's im Kino Szenenapplaus.
- Ungarn 2011 - Episodenfilm, den Bela Tarr mit elf ungarischen FilmemacherInnen gemacht hat, um zu zeigen, dass es auch unter den derzeitigen Bedingungen noch kreative Leute gibt, die etwas zu sagen haben.
- Rebelle - War Witch - dazu gibt's einen Text.
- Man On Ground - dazu gibt's auch einen Text.
- Flying Swords of Dragon Gate - Jet Li in 3D. Au weia, hier waren mir irgendwann zu viele Figuren unterwegs, keine Ahnung, wer jetzt im Detail was wollte, und vor allem, was es mit der bösen Schwangeren auf sich hatte. Hat trotzdem Spaß gemacht. Das mit dem Wegreiten am Schluss war schön - das habe ich auch verstanden.
- Czak a szél - Only the Wind - Morde an Roma-Familien in einem ungarischen Dorf. Schon klar, dass die Familie, die der Film den ganzen Tag über begleitet, sehr wahrscheinlich die nächsten sein werden... Sehr bedrückend.
Rebelle - War Witch
Auch der zweite Film, der in Afrika spielt - das Land wird nicht explizit genannt, gedreht wurde in Kongo - ist schwere Kost. Die Hauptdarstellerin von Rebelle Rachel Mwanza hat inzwischen den Silbernen Bären für die beste Darstellerin gewonnen - sehr zu Recht!
Das dreizehnjährige Mädchen Komona wird bei einem Überfall durch eine Rebellentruppe gezwungen, ihre Eltern zu erschießen (Alternative: der Angreifer zerhackt die Eltern mit der Machete) und Soldatin in der Rebellenarmee zu werden. Sie erzählt die Geschichte aus dem Off ihrem ungeborenen Kind, das sie befürchtet, nicht lieben zu können, denn sein Vater ist der Rebellenführer.
Jayne Mansfield's Car
Zum Schluss noch ein zweiter Wettbewerbsfilm - er hat keinen Preis bekommen, dafür aber der fürchterliche Tabu, dessen Regisseur genauso eitel und verkopft wirkt, wie sein Werk. Also echt, solche Kunst-Kunst ist an mich völlig verloren.
Dass Jayne Mansfield's Car dagegen wenig Aufmerksamkeit bekam, liegt laut Berliner Zeitung daran, dass a) amerikanische Filme wenig und b) lustige Filme keine Chance auf einen Preis im Berlinale-Wettbewerb haben. Trotzdem wird er natürlich mehr Geld machen und mehr Zuschauer kriegen als die preisgekrönten Filme, insofern ist das dann auch wieder gerecht.
Am Film selbst liegt es nicht, mir hat er gut gefallen. Es ist kein Feelgood-Movie, dafür sind die Personen zu bitter und dafür geht am Schluss der Kriegs-Wahnsinn grad weiter. Er ist nicht halb so lustig wie ich dachte, aber durchaus lustig genug. Er hat zwar das altbekannte Südstaaten-Setting, wirkt sehr glatt und featured einige Weltstars, aber für Mainstreamkino kommen viel zu abgefahrene Dinge darin vor - z.B. der onanierende Kriegsheld, der sich einen runterholt während seine englische Halbschwester nackig tanzt und dabei mit britischem Akzent eine Kriegsballade rezitiert. Das ist schon lustig, aber auch sehr strange und außerdem sieht man dabei echte Nippel - sowas hat ja das amerikanische Mainstreamkino schon lange in die Subversion abgeschoben. Und manches ist so schmerzhaft, dass es echt die künstlichen Tränen überflüssig macht, mit denen ich seit Anfang der Woche die trockene Kinoluft bekämpfe.
Und Billy Bob Thornton spielt großartig - Punkt. Doch, das war ein toller Film über die Spätfolgen des Krieges. (Auch sehr lehrreich in Verbindung mit "Mad men"!)


