Berlinaleblog

70. Berlinale, 20.02.-01.03.2020

28. Februar 2020
von micha
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The Earth is Blue as an Orange

The Earth is Blue as an Orange ist ein Film im Film. Regisseurin Iryna Tsilyk hat die Familie im Film ungefähr ein Jahr lang begleitet. Sie hat die beiden großen Mädchen in einem Film-Camp für Jugendliche kennengelernt. Die haben dort ihre Liebe zum Kino entdeckt. Sie beschließen einen Dokumentarfilm über ihre Familie im Krieg in der Donbas-Region der Ukraine zu machen. Die ganze Familie macht dabei mit: die Mutter baut Beleuchtung, alle diskutieren das Skript und immer wieder wird gefilmt – mit Klappe. In den meisten Einstellungen laufen Katzen durchs Bild. Am Anfang wirkt das wie ein lustiger Zufall, bis man merkt, dass es im Haus ziemlich viele gibt. Die Schildkröte darf manchmal im Bad im Waschbecken baden.

Es fallen sehr kluge Sätze über Krieg. Krieg ist Leere. Und: irgendwer muss ja dableiben und alles wieder aufbauen. Die meiste Zeit vergesse ich, dass der Film, den ich sehe, nicht der ist, der da auf der Leinwand entsteht. Als der äußere Film mit der Vorführung des Familienfilms in der Musikschule des Orts endet, fällt es mir wieder auf. Ein sehr guter Schluss.

Leider haben wir es in der Q&A verpasst, nach der Bedeutung des Titels zu fragen.

28. Februar 2020
von micha
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Mignonnes – Cuties

Mignonnes nennt sich eine Gruppe frecher, wilder Mädchen an Amys neuer Schule. Klar, dass Amy unbedingt dazugehören möchte. Die Mutter ist mit ihren drei Kindern von Senegal nach Frankreich gezogen. Alles wartet auf die Ankunft des Vaters, aber der hat sich in der Zwischenzeit eine zweite Frau genommen. Die wird er mitbringen, und die Aufgabe von Amys Mutter ist es, eine große Hochzeitsfeier vorzubereiten. Wie viel ihr das ausmacht, lässt sie sich vor den Tanten und der Gemeinde nicht anmerken.

Amy versucht anzukommen. Sie klaut das iPhone eines Cousins und versucht, sich im Internet in Sachen Dance Moves weiterzubilden. Vollkommen ignorant gegenüber den kulturellen Codes, findet sie Videos von Tänzerinnen, die sich vor allem auf dem Boden räkeln und mit dem Hintern zucken. Das übt sie fleißig vor dem Badspiegel.

Was mir am Film von Maïmouna Doucouré gut gefällt: das Leben in Europa wird nicht als ein Idealbild von Emanzipation gezeigt. Ihre konservative Herkunftskultur und die schwer zu verstehende neue Umgebung machen Amy gleichermaßen das Leben schwer. Dabei denunziert der Film weder die muslimische Gemeinde insgesamt, noch idealisiert sie eine vermeintliche westliche Freizügigkeit. Erst in der Auseinandersetzung mit beiden Welten, lernt Amy zu fliegen. Fast wörtlich.

28. Februar 2020
von maxuta
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Unsere diesjährige Berlinale-Empfehlung ist: Alice Júnior!

Wir haben in diesem Jahr Filme geschaut, zB Eeb Allay Ooh!, und leider nicht so viel geschrieben… aber unsere diesjährige Berlinale-Empfehlung ist: Alice Júnior!

Ein Film aus der Generation-Reihe über Love, Joy and Happiness… wie (vermeintlich) trivial, denn darum geht es ja fast immer – nicht zuletzt im Eröffnungsfilm der diesjährigen Generation-Reihe der Berlinale: H is for Happiness, den wir sehr anrührend fanden: eine Verfilmung des Jugendbuchs My Life as an Alphabet von Barry Jonsberg – auf deutsch heisst dieser Roman, warum auch immer, „Das Blubbern von Glück“.

Und übrigens schon wieder Filme der diesjährigen Berlinale, in denen barocke Counter-Tenöre eine Rolle in der Film-Musik-Dramaturgie spielten (in beiden!) – ein eigenartiges und wiederkehrendes Phänomen unserer diesjährigen Berlinale-Saison.

Nicht verpassen, wie gesagt! Spätestens wenn er denn ab Sommer in die Kinos kommt – die Chance hat der Film, wie ein kurzes Gespräch nach der internationalen Premiere im diesjährigen Generation-Programm andeutete. Und er hat sicher gute Chancen auch Preise zu gewinnen, nicht nur in Generation sondern auch beim Teddy-Award… mal schauen, was so passiert. Besonders in vielerlei Hinsicht ist er in jedem Fall!

Eine wiedermal quietschbunte Coming-of-Age-Geschichte mit viel Social-Media-Geklingel und eine der vielen Transgender thematisierenden Filme der diesjährigen Berlinale-Saison… gesehen haben wir davon zB auch Petite Fille, vom mehrfachen Teddy-Award-Winner Sébastien Lifshitz, der uns ebenfalls sehr berührte.

Aber dieser Film: Alice Júnior ist nicht zuletzt deshalb so berührend, weil er eine so zutiefst menschliche Botschaft so sehr eindrücklich vermittelt: setzt der Angst und der Bedrohung (die in Brasilien für viele Menschen unter einem repressiven System, das von den Filmemachern auf der Bühne auch diktatorisch genannnt wurde) entgegen, dass Liebe und Freundschaft und Verbundenheit und Menschenliebe eine Macht haben: Gefühle sind, die tiefe Kraft und Veränderungspotential in sich bergen!

Er macht großen Spaß, vermittelt tiefe Freude und Heiterkeit und ist gespickt voll mit Kreativität und Lebensenergie.

 

27. Februar 2020
von micha
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Eeb Allay Ooo!

Der Titel Eeb Allay Ooo! ist kein Satz, sondern die Umschrift von Geräuschen, die Affenvertreiber machen, um Affen zu vertreiben. Die sind nämlich frech und aggressiv und eine Plage in Delhi. Anjani ist aus der Provinz zu seiner schwangeren Schwester und ihrem Mann in die Stadt gekommen. Sein Schwager hat ihm den Job als Affenvertreiber verschafft. Die Einführung ist kurz: ein erfahrener Kollege bringt den neuen die Töne bei, mit denen er erfolgreich Affen vertreibt. Aber Anjani trifft den Ton nicht, die Affen sind kein bisschen beeindruckt und reagieren aggressiv. Dann gibt es noch Leute, die die Affen füttern, weil sie sie für heilig halten, und Anjani das Leben schwer machen. Er sucht neue, sehr originelle Wege, seinen Job zu machen, aber letztendlich ist es eine Sisyphusaufgabe.

Anjanis Schwager hat es auch nicht leicht: er arbeitet bei einer Art Wachschutz und macht ständig Nachtschichten. Die Truppe wird aufgerüstet und soll jetzt Gewehre tragen, dafür gibt es auch eine Gehaltserhöhung. Er will das Gewehr nicht. Die Szene, wie es sich mit dem sperrigen Ding abmüht, es auf dem Fahrrad nach Hause zu schaffen, ist so originell wie beunruhigend, denn wenn im Film ein Gewehr vorkommt, verursacht es unweigerlich ein Unglück.

Prateek Vats‚ Film kommt im ersten Moment als Komödie daher, aber je länger das alles dauert, desto deutlicher wird, dass es in Delhi es eine Menge Menschen gibt, die nicht viel zu lachen haben.

26. Februar 2020
von micha
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Days of Cannibalism

Days of Cannibalism ist der Name der Bar, in der das Filmteam gerne abhing. Der Name wurde dann eben auch der des Films von Teboho Edkins. Das ist sehr stimmig, wenn am Ende Kühe an den Knochen ihrer lange verstorbenen Artgenossinnen knabbern, passt aber in vieler Hinsicht. In einer abgelegenen Gegend von Lesotho begegnen sich die alteingesessenen Rinderhirten und neu hinzugezogene chinesische Händler, die den Supermarkt betreiben. Begleitet wird das Ganze vom Radiomoderator, der jeden Tag ein Programm mit dem schönen Titel „Get Knowledgeable“ sendet (wobei sich das Filmteam manchmal Themen wünschen durfte).

Der Film ist großartig, ich habe viel über gleich zwei mir völlig unbekannte Welten erfahren. Kühe sind „Götter mit feuchten Nasen“. Sie sind eine Erweiterung der Person, weshalb Viehdiebstahl etwas sehr Schlimmes ist. Die chinesischen Eingewanderten haben zum Teil einen lesothoer Pass, denn sonst dürften sie kein Land erwerben. Sie hoffen dort auf ein besseres Leben, und füllen die Lücke, dort Handel zu treiben, was den Viehhirten nicht liegt – so erzählt es der Radiomoderator.

Es ist nie so richtig klar, ob das gezeigte inszeniert oder dokumentarisch ist. Der Verdacht, dass es eine Mischung aus beiden ist, bestätigt sich in der Q&A. Für alle, die die nicht mitbekommen haben: die Gerichtsverhandlung ist nachgestellt. Da hat das Filmteam zwei ehemalige Häftlinge, die tatsächlich für Viehdiebstahl zehn Jahre im Gefängnis waren, dazu bekommen, die Verhandlung noch einmal nachzuspielen. Der Raubüberfall auf den Supermarkt ist echt. Der fand während des Endspiels der Fußball-WM statt.

Eine Zuschauerin fragt, ob die Leute fürs Mitmachen bezahlt wurden. Das wird folgendermaßen erklärt: wenn etwas inszeniert war, wie z. B. die Gerichtsverhandlung, haben die Leute Geld bekommen, denn das war Arbeit, da mussten sie pünktlich da sein und den ganzen Tag zur Verfügung stehen. Wenn der Polizist dabei gefilmt wurde, wie er die versammelten Leute über die Schwere von Viehdiebstahl aufklärt, dann ist das seine ganz normale Arbeit, dafür wurde er nicht bezahlt.

25. Februar 2020
von micha
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Paradiese Drifters

Paradise Drifters zeigt drei junge Menschen in einem Roadmovie ohne Road. Chloe wurde von ihrem Stiefvater vergewaltigt und ist schwanger. Sie bekommt eine Adresse in Barcelona – und ich habe ewig nicht verstanden, wozu die dienen könnte. Lorenzo will für seinen großen Bruder, der im Knast ist, eine Fahrt mit dem Auto machen, nur eine – nach Marseille. Yusef, ein Flüchtling, begeht seinen Abschied aus irgendeiner Institution. Er bleibt stumm über seine Pläne, denn er hat keine. Von einem Betreuer bekommt er eine Taschenlampe geschenkt. Zwei der drei Namen werden im Film nie genannt. Es dauert eine Weile, bis der Film die drei zusammenbringt. Bis dahin wird die Hoffnung der Zuschauerin, dass alles besser werden wird, wenn sie sich erst einmal zusammen getan haben, immer kleiner. Dabei ist es gar nicht so, dass sie sich passiv ihrem Schicksal ergeben, sie tun etwas, sie machen sich auf einen Weg. Aber außerhalb von Mainstream-Kino ist das Scheitern eine sehr reale Option.

Immer wieder gibt es Aufnahmen von Sachen oder Übernachtungsplätzen von Obdachlosen, oder von schmuddeligen Betten in heruntergekommenen Räumen. Aber das sind nicht die Sachen oder Betten der Figuren, sondern die, von denen der Film auch handeln könnte. Mees Peijnenburg erzählt in der Q&A, wie er Geschichten gesammelt hat, über die Arbeit am Film, warum diese Technik (16mm), über das Casting, wie er Szenen erarbeitet, und dass beim analogen Filmen eine große Konzentration notwendig ist, wenn die Kamera läuft. Das Großartige an dieser Q&A ist, dass es sehr interessant ist, all diese kreativen Prozesse und Entscheidungen ausgesprochen zu hören, aber eigentlich war im Film schon alles zu sehen. Das ist großartig.

24. Februar 2020
von ulla
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Schwarze Milch

Das war wohl der Film, der bei Micha an der Abendkasse ncht mehr geklappt hat. Heute morgen um 9:00 Uhr: Ausverkauft.

Der Film handelt – und wurde gedreht – von einer Berlinerin mit mongolischen Wurzeln, die zu ihrer Schwester zieht, die als Nomadin in der mongolischen Steppe lebt. Dort nimmt sie am Leben der Schwester teil und fängt eine Affäre mit dem Einsiedler-Nachbarn an. Die Männer (außer ihm) kommen nicht gut weg in dem Film, und bis zum Schluss war ich mir nicht sicher, ob die Affäre mit dem Nachbarn wirklich stattfindet oder ob sie eine Phantasie der „Wessi“-Schwester ist. Denn das ist das Interessante: der Film spielt zwar zu 98% in der mongolischen Steppe, es tteten keine westlich aussehenden Mensvhen auf, aber es ist durch und durch ein westlicher Film, von einer deutschen Städterin, voller westlicher Phantasien, Werte und Annahmen. Zuerst war ich etwas enttäuscht, weil man ja doch immer auf ethnologische Entdeckungen aus ist. Aber dann hab ich kapiert: der Film handelt einfach nicht von der Mongolei. Sondern von einer Deutschen, die es dort hintreibt, weil sie hier immer gefragt wird, wo sie „eigentlich“ herkommt. Und dort Wessi ist. Vertrackt.

Die Landschaft sollte absichtlich nicht im Vordergrund stehen, sagte die Regisseurin. Logisch, es geht ja nicht um die Mongolei.

(Es kommen Schafe im Film vor, aber in keinem guten Zustand. Der Wolf war da.)

24. Februar 2020
von maxuta
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Back again – oder: Berlinale 2020… das Jahr des Wandels?

Aufgrund der Veränderungen auf so vielen Ebenen müßte sich die diesjährige Berlinale doch sichtbar gewandelt zeigen, aber lässt sich das so sagen?

Das Festival selbst ist unter neuer Leitung breiter aufgestellt mit Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und Künstlerischem Leiter Carlo Chatrian. Das Forum leitet nun Christina Nord und das Panorama wird verantwortet von Michael Stütz.
Verschwunden sind nicht nur die  sehr geschätzten Programmschienen ‚Kulinarisches Kino‘ und ‚Native‘ – sondern ebenfalls die von uns sehr geschätzten und viel genutzten Übersichts-Tabellen im Programm, ein herber Vorbereitungs-Verlust!
Und bei den Spielstätten gibts das Haus der Kulturen der Welt nicht mehr für die Generation, ebenfalls große Trauer – was war das für ein schönes Getriebe ohne ätzendes Gedränge an einem bequemen, geräumigen und ästhetischen Ort… so viele gute Erinnerungen!
Weggefallen durch Schließung sind auch das IMAX und die Cinestar-Kinos mit ihrem Übergang zu Arsenal und Filmhaus – deswegen hats mir immer dort besonders gut gefallen: denn der ambulante Gastrobereich unten vorm Arsenal wird gestaltet und betrieben von den Prinzessinnengärten und ist einfach klasse. Da verbrachten wir auf die Schnelle viele schöne Pausen mit überraschenden Begegnungen.
Ach so… fast vergessen: auch die Bären-Plakate sind wieder grafischem Minimal-Gestalten à la Ott&Stein gewichen. Die Foodtrucks sind umgezogen ins Sony-Center, da die Potsdamer Platz Arkaden durch einen bevorstehenden Umbau nahezu verwaist sind. Dafür ist das Getriebe vor Ort erstaunlicherweise nahezu unverändert, incl. des grausigen Bratwurststandes… das hätte ich nicht erwartet!

Hinzugekommen ist die Programmschiene Encounters, die für mich eine nicht einzuordnende „Mischung aus allem“ enthält: unter anderem einen Film von Alexander Kluge und ein 8-Stunden-Epos über eine japanische Bäuerin, die ich beide im Forum erwartet hätte – anderes bei Berlinale Special, Panorama, Perspektive Deutsches Kino.
Das gesamte Cubix am Alex ist nun Festival-Spielort wie auch die Urania… beides bisher wenig geschätzt von uns aus verschiedenen Gründen. Die irre langen Reihen in der Urania sind extrem nervig und sie verhindern bei Generation nun auch sehr die im HKW so tollen Q&As. Und den Alex mögen wir einfach nicht besonders, irgendwie ist mensch da immer „weit weg von allem“.
Nach dem Durchforsten der verschiedenen Programmteile machte sich auch ein wenig das Gefühl breit, die große Spannweite früherer Jahre würde fehlen – liegts wirklich am Wegfall gewohnter Programmschienen, der Verlagerung von Spielorten oder weil wir uns einfach nicht so schnell eingefunden haben – oder ist bisher keine „Handschrift“ der neuen Leitungen erkennbar und der „große Wurf“ fehlt noch?

Wie immer oder doch ganz anders, das muss sich auch erst noch entscheiden – in diesem Jahr bin ich, sind wir aber auch wieder einmal schreibend bei der Berlinale  😀  Und haben schon sehr gute Erfahrungen mit der Tageskasse gemacht, nachdem wir im Vorverkauf gleich mehrfach Pech hatten… allerdings haben wir es dann meistens gleich morgens versucht – dies als weiterer Kommentar zu Es klappt eigentlich immer an der Abendkasse…