Berlinaleblog

68. Berlinale, 15.-25. Februar 2018

15. Februar 2019
von micha
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We Are Little Zombies

Makoto Nagahisa und Dolmetscherin

Makoto Nagahisa und die Dolmetscherin nach dem Film (ja, das ist ein Olympiade München 1972 Oberteil)

Vier 13 1/2-jährige (im Schnitt) begegnen sich im Krematorium, ihre Eltern sind gerade ums Leben gekommen. Sie tauschen Todesursachen aus, dass es wie Autoquartett klingt: Busunglück, Suizid (wegen überwältigenden Schulden bei Unterweltgangstern), Gasexplosion, Mord. Sie weinen nicht, aber das geht bei so langweiligen Beerdigungen auch nicht. Die gemeinsame Reise der vier beginnt im luxuriösen Heim von Hikari, dem Erzähler mit der Brille. Er hat Unmengen von Spielekonsolen und Spielen, und die vier stellen sich vor, in einem Spiel zu sein „We Are Little Zombies“. Der Fortgang des Films sind die Levels im Spiel, die vier müssen Gegenstände aus ihren früheren Leben erbeuten und Kämpfe bestehen. Wir erfahren die Vorgeschichte von allen vieren (alles super gefilmt, selber angucken!!!).

Irgendwann gründen sie nach Inspiration durch eine Obdachlosenband eine eigene Band, die „Little Zombies“ und werden von einem Influencer-Aushilfsnachtwächter entdeckt, der sie groß rausbringt. Die vier singen, dass sie nichts empfinden, dass sie kleine Zombies sind – ihr Publikum aber findet, das sei alles ja „so EMO“. Klar, dass das Spiel noch ein paar weitere Level braucht.

Der Film ist nicht nur ein Computerspiel (BUNT! LAUT!), sondern auch ein Musical. Es gibt tolle Songs, nicht nur von den Zombies, sondern auch ein großartiges Lied, das im Lokal kurz vor der Gasexplosion gesungen wird „Ein Oktopus ist so intelligent wie ein dreijähriges Kind“, und „Milch ist Liebe“, ein Punksong vom älteren Bruder des Jungen mit den Selbstmörder-Eltern. Und natürlich das Lied der Obdachlosenband.

Der Regisseur sagt vor dem Film, nach dem Abspann gäbe es noch eine Überraschung, die Leute sollten noch etwas sitzen bleiben – er hatte wohl Sorge, dass die, die zu früh gehen, einen ziemlich anderen Eindruck vom Ende des Films bekommen, als die, die länger bleiben. Er hat nämlich sozusagen zwei Enden. Wer bis zum Ende des Endes bleibt, kann danach mit einem Ohrwurm Richtung U-Bahn gehen, „We Are Zombies But Alive“.

We Are Little Zombies ist der erste Spielfilm von Makoto Nagahisa. Vorher hat er einen Kurzfilm gemacht – And So We Put Goldfish In The Pool (Youtube). Der wurde 2017 beim Sundance Filmfestival gezeigt und gewann den Short Film Grand Jury Prize.

14. Februar 2019
von micha
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Varda par Agnès

Agnès Varda kann alles: Fotografie, Film, Kunst und auch ihr eigenes Werk erklären. Das tut sie in Varda par Agnès vor Publikum in einem schönen Opernhaus. Sie sitzt in einem Regiestuhl, holt sich Gäste dazu, zeigt Filmschnipsel und plaudert. Es klingt wie ein Filmseminar, als würde sie uns erklären, worauf wir achten sollen, falls wir zufällig auch Filme machen möchten, nämlich drei Dinge: Inspiration, Kreation und Teilen.

Ein gemütlicher Einstieg, aber sie ist eben auch eine Virtuosin der Struktur, und im folgenden ist sie in ganz unterschiedlichen Settings zu sehen, an früheren Drehorten, am Strand, auf der Straße, plaudert nahtlos weiter und erklärt ihre Filme, Fotografie und ganz unglaubliche Installationen. Egal, was sie jemals gemacht hat, es ist klug, intensiv und sehr oft auch richtig lustig.

Am Liebsten hätte ich den Film als Nachschlagewerk: ich möchte im Nachhinein nochmal die verschiedenen Stationen aufrufen können: wie sie „Vogelfrei“ mit Sandrine Bonnaire erklärt, oder die Installation mit dem Katzengrab, oder die Begegnung mit ihrem entfernten Verwandten Varda in Kalifornien vor zig Jahren, die kleinen Geschäfte in ihrer Straße, Filme mit Freunden und Bekannten und die mit den Stars, die Herzkartoffelinstallation oder die Demonstration, bei der sie mit einem kleinen Plakat „Mir tut alles weh“ am Rand mitläuft. So lustig, so inspirierend, so klug und so wunderschön!

13. Februar 2019
von micha
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Glamour im Friedrichstadtpalast – The Boy Who Harnessed the Wind

Filmteam auf der Bühne

The Boy Who Harnessed the Wind läuft in der Reihe Berlinale Special Gala. Gala heißt, dass das Filmteam in Festgarderobe von Dieter Kosslick in den Saal und zu den Plätzen geleitet wird, dass ein Moderator in Fliege anmoderiert, und dass nach dem Film alle auf die Bühne kommen. Der Regisseur Chiwetel Ejiofor (Titus hat ihn sofort beim reinkommen erkannt, ich nicht) bedankt sich bei ca. 200 Leuten, die weibliche Protagonistin Aïssa Maïga in gelbem (!) Kleid sieht umwerfend aus und bedankt sich beim Publikum, der jugendliche Protagonist Maxwell Simba bedankt sich bei seiner Mutter, und dann kommt da noch William Kamkwamba in Person und spricht auch noch ein paar freundliche Worte. Blumen werden überreicht, der Friedrichstadtpalast jubelt minutenlang stehende Ovationen. Hach!  Weiterlesen →

13. Februar 2019
von micha
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The Heat: A Kitchen (R)evolution – Perspektiven von Küchenchefinnen

The Heat: A Kitchen (R)evolution von Maya Gallus zeigt die Perspektiven von sieben Küchenchefinnen auf ihr Chef-sein (Chef in der englischen Bedeutung des Worts). Alle sind interessant, alle haben etwas zu sagen, einige haben ihren Weg in eigenen Restaurantküchen gemacht, zwei sind andere Wege gegangen, schreiben und veranstalten Kochevents oder arbeiten als Freelance-Chef. Die Kamera ist großartig, wie in den Q&A erwähnt, hat sie sich in die kleinsten Nischen gezwängt, so dass wir immer ganz nah an allem dran sind (das heißt nicht, dass eine davon schon die Abläufe in chaotischen Küchen kapiert). Alles, was gekocht wird, sieht sehr köstlich aus, manches wie Kunst auf Tellern.

Ein schöner und interessanter Blick in eine ziemlich unbekannte Welt – vielleicht ein bisschen zu wenig überraschend – aber das ist es doch, was Dokumentarfilme bieten sollen.

13. Februar 2019
von micha
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Unisatire – Weitermachen Sanssouci

Weitermachen Sanssouci von Max Linz – alles, was in der Programmbeschreibung steht, stimmt, und es wirkt absurd und satirisch: befristete Verträge für Nachwuchswissenschaftler*innen, Drittmittelabhängigkeit inklusive fragwürdiger Evaluierungsverfahren, zynische Professor*innen, sinnfreie Powerpointpräsentationen, holperig vorgetragene Referate mit „genau“ als völlig überflüssigem Füllword, externes Consulting dem es nur um Vermarktbarkeit der Forschung geht, eine von Studierenden besetzte Bibliothek, auch ein bisschen Slapstick – Klimawandel im Unigebäude mit Schnee und Wind. Das Lied „Warum kann es hier nicht schön sein…“ ist so schön, dass eine am liebsten mitsingen möchte. Und Sophie Rois spielt mit.

Nur: da stand was von Satire und Musical. Ist es schon ein Musical, wenn zwei Lieder vorkommen, auch wenn eines davon sehr schön ist? Und ist es Satire, wenn es gar kein Lachen gibt, das vor lauter grusligem Wiedererkennen im Hals stecken bleibt, sondern gerade mal so ein Schmunzeln? Und wenn das Gefühl beim Rausgehen so ein „Hmm, ja. Und nun?“ ist?

Als Nichtakademikerin muss ich vielleicht mal die Akademiker*innen in meiner Umgebung fragen. Vielleicht finden die das alles lustiger als ich.

12. Februar 2019
von micha
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Flatland

Und noch eine besondere Polizistin: Beauty Cuba in Flatland trägt knallige Nicki-Jogging-Anzüge mit Strass-Applikationen und kann gut schießen. Sie wartet darauf, dass Billy, der nach fünfzehn Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird, sich bei ihr meldet. Plötzlich erfährt sie, dass er angeblich am Tag seiner Entlassung einen Mann getötet hat. Sie fährt 500 km nach Norden, um die Wahrheit herauszufinden.

Die schwarze Natalie heiratet den weißen Bakkies, wird in der Hochzeitsnacht von ihm vergewaltigt und versucht, sich in der Scheune bei ihrem Pferd zu verstecken. Plötzlich ist der übergriffige Pfarrer tot und Natalie flieht zu ihrer Freundin und Ziehschwester Poppie. Poppie ist hochschwanger von Trucker Branco, den sie in grenzenloser Naivität für ihre große Liebe hält. Die Mädels wollen im Truck von Branco – samt Pferd versteht sich – nach Johannesburg fliehen.

Billy gesteht den Mord am Pfarrer, weil er sich ein Leben in Freiheit nicht mehr vorstellen kann. Beauty will seine Unschuld beweisen, auch wenn er das gar nicht möchte. Als weitere Schlinge im Handlungsstrang, ist Bakkies der Sohn von Beautys ehemaligem, in zwischen pensionierten Kollegen Jaap. Bakkies versucht nur zu gerne, den Mord einem geständigen Kriminellen anzuhängen, um zu vertuschen, dass der Pfarrer mit seiner Dienstwaffe erschossen wurde. Dabei stellt er sich allerdings so blöd an, dass Beauty sofort merkt, dass das alles Quatsch ist und die Verfolgung der jungen Frauen aufnimmt.

Dann machen fast alle Fehler, es kommt zu mehreren Showdowns und für die verschiedenen Figuren zu unterschiedlich zufrieden stellenden Enden. Schönste Szene in einer Bar: Beauty zwingt zwei Biker mit Dienstmarke und Waffe den Fernseher von einem Kricketspiel zu ihrer Lieblingssoap umzuschalten.

Regisseurin ist Jenna Bass, die letztes Jahr mit High Fantasy auf der Berlinale war. Schade, dass es nach der Vorstellung keine Q&A gab.

12. Februar 2019
von micha
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The Miracle of the Sargasso Sea

Besondere Polizistinnen kann es im Kino gar nicht genug geben. Ein spezielles Exemplar ist Elisabeth in The Miracle of the Sargasso Sea von Syllas Tzoumerkas. Sie wird durch fiese Intrigen ihres Chefs aus der Antiterroreinheit abgezogen und als Polizeichefin in die Kleinstadt Mesolongi weggelobt. Dort ist zehn Jahre lang die unbeliebte Polizeichefin, die ihre Untergebenen autoritär schikaniert (schöne Szene, als sie in der Männerdusche einem Polizisten eine Akte in die Hand drückt, die er auf ihrem Tisch rumliegen ließ), zu viel trinkt, eine Affäre mit einem unsympathischen Internisten hat.

Die zweite Hauptfigur ist Rita, Motorradfahrerin, Arbeiterin in der Fischfabrik (Aale aus einem Becken keschern, töten, zerlegen). Ihr Bruder Manolis, anscheinend ein kleinkrimineller Feierabendclubsänger mobbt sie, er hat ein Flugticket nach Florida gefunden. Rita will weg, er wird das verhindern.

Die beiden Erzählstränge laufen ziemlich lange parallel, bevor sich die ersten Berührungspunkte ergeben. Auf beiden Seiten gibt es intensive Szenen, die gruslig deutlich machen, dass das Grauen in der Kleinstadt wohnt: der Auftritt von Manolis im Club, bei dem er Rita gegen ihren Willen auf die Bühne holt, oder die Dinner Party im Haus des Internisten, bei der die Zusammensetzung der Gäste gar keine andere Wahl lässt, als sich zu betrinken. Wobei: hier gibt es eine extra Erwähnung für Elisabeths fünfzehnjährigen Sohn Dimitris, der mit dem lernbehinderten Bruder des Staatsanwalts großartig Konversation macht: Du stinkst. Was, seit 7 Monaten nicht gewaschen? Du bist mein Held!

Ein Toter wird erst relativ spät gefunden, und Elisabeth braucht gar nicht sehr lange, das sorgfältig geknüpfte Knäuel wieder aufzudröseln. Was dabei ans Licht kommt, hält den Spannungsbogen aber locker bis zu einem Ende, das bei sorgfältigem Lesen des Titels eigentlich nahe liegt.

12. Februar 2019
von micha
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Verspäteter Berlinalestart mit Goldie

Es gibt Leute, die ziehen nicht einfach irgendwas an, sondern schaffen durch ihre Kleidung eine blendende Präsenz. So wie die Frau heute in der U-Bahn, die in ihren pinkgefärbten Haaren eine große Glitzerrose, dazu pinke Ohrpuschel, einen Vintage-Mantel mit falschem Leopardenpelz an Kragen und Manschetten, eine bunte Tasche mit Glöckchen und eine Smartphone-Hülle mit pinkem Puschelbesatz trug.

So ist Goldie, Protagonistin im Film von Sam de Jong die ein Star sein möchte. Mit ihrer Tanzperformance vor kleinem Publikum auf der Bühne im Gemeindezentrum klappt das schon ganz gut. Die Szene ist super: das Filmpublikum denkt, nun ja, tanzen gab’s schon spektakulärer. Dann tritt Goldies kleine Schwester Supreme mit der Trommel auf. Sie trommelt so schlecht wie Goldie tanzt, aber das macht vor dem eigenen Publikum halt nichts, die jubeln begeistert, und das ist sehr schön.

Goldie trägt gold – oder gelb: die superkurzen Haare und Augenbrauen sind gelborange gefärbt, der Grundton ihrer Camouflage-Hose ist gelb. Sie klaut ein gelbes Teil, von dem ich nicht weiß, wie die Bezeichnung dafür ist – eine Art Badeanzug, aber nicht für den Strand. Und dann gibt es da noch den gelben Pelzmantel, der sehr, sehr teuer ist, ihr aber unglaublich gut stehen würde.

Goldie hat eine große Klappe, ist mutig, stark, aber auch sehr überfordert mit der Situation, als die Mutter in den Knast kommt. Sie will unbedingt die kleinen Schwestern vor Child Service retten, damit sie nicht getrennt werden. Gleichzeitig sind da die Aufnahmen für das Hiphop-Video.

Würde ich mich auch nur ein bisschen mit internationaler Mode auskennen, wäre mir wohl aufgefallen, dass die Schauspielerin Slick Woods nicht nur ein ganz besonderes Gesicht hat und wahnsinnig toll spielt, sondern im echten Leben ein weltberühmtes Model ist. Sam de Jong erzählt während der Q&A, dass sie bei der New Yorker Fashion Week ist, und dass sie tatsächlich ein sehr hartes Leben hatte. Anschließendes Minimalgoogeln fördert auf der Stelle einen Instagramaccount und jede Menge Klatschblattmaterial über ihren Werdegang zutage: Sie war, als sie von Ash Stymest entdeckt wurde, obdachlos. Auch ihre Mutter war – wie die von Goldie – im Knast. Sie hat hochschwanger während einer Modenschau Wehen bekommen und im Anschluss ihr erstes Kind geboren – das Foto von der Show ist schon ziemlich spektakulär. Und hier noch ein Interview, das sie der Zeitschrift Elle im September 2018 gegeben hat.

Das war ein guter Auftakt. Ich glaube, die diesjährige Farbe der Berlinale ist gelb.