Sonntag, 21. Februar 2010
Michas persönliche Bären
Nachdem alle offiziellen Preise vergeben sind, hier meine persönliche Bilanz: 23 Filme, davon 19 Spielfilme und 4 Dokus.
- Beste Doku: Aisheen (Still Alive in Gaza)
- Bester ernster Spielfilm: Son of Babylon
- Bester unterhaltsamer Spielfilm: Goruden Suramba
- Das beste Filmtier - ich dachte schon, diese Rubrik könnte ich dieses Jahr gar nicht vergeben, dabei liegt mir diese Kategorie am Herzen, seit Ulla sie eingeführt hat! Die Kröte in Besouro.
- Lieblingsszene: immer noch die, als der bekloppte Möchtegerngangster in Au revoir Taibei am Telefon androht, die Geisel umzubringen, diese aber gleichzeitig mit einer besänftigenden Handbewegung zu beruhigen versucht.
- Weitere Filme, die mir gut gefallen haben (in der Reihenfolge des Gesehenhabens): Renn, wenn du kannst, Dooman River, Red, White & the Green, Parade, Sawako Decides, Sukunsa Viimeinen, Au revoir Taipei, Congo in Four Acts, Bibliotheque Pascal. Hmm, es gab noch ein paar mehr, die ich gut fand, das sind jetzt die bemerkenswert gut gefallen habenden.
- Wirklich überflüssig: Our Fantastic 21st Century und Crossing the Mountain
Besouro
Mein letzter Film der diesjährigen Berlinale. Auf dem Plakat steht, Besouro sei der erste brasilianische Action-Film. Gezeigt wird Capoeira statt Kungfu, die Choreographie dafür stammt vom Hongkonger Huan-Chiu Ku, der auch die Kampfszenen für Kill Bill, Tiger and Dragon u.a. choreographiert hat. Damit fliegt dann der legendäre Besouro (Kampfname Käfer, denn der ist schwarz und kann fliegen) ganz hervorragend. Die Geschichte hat als historisches Vorbild den legendären Capoerista Manuel Henrique Pereira, der wiederum Capoeira bei seinem Meister Alipio lernt. Es geht um den Kampf gegen Unterdrückung der Schwarzen durch die weißen Plantagenbesitzer und ihre Schergen, natürlich auch um Liebe und Verrat.
Was mir gut gefallen hat, waren die Tiere - der Käfer und die Kröte - und die Geister, die gelegentlich das Geschehen kommentieren oder auch ernsthaft beeinflussen. Ansonsten kann ich mir nicht so ganz vorstellen, dass mit diesem Film ein neues Genre kreiert wurde.
Und gleich noch zwei Nachträge:
Drommen (Der Traum) heute mein letzter Film in der Retro:
gewann 2006 den Gläsernen Bären und war im Kino sehr erfolgreich. Es ist tatsächlich ein schöner Mutmach-Film, allerdings nicht so perfekt, wie immer getan wird:
1. Dass der böse, selbstgerechte Schulrektor (der immer die Kinder gehauen hat) am Schluss an einem Herzinfarkt stirbt, ist einfach Mist. Das ist kein Sieg und kein richtiges Ende. Er kommt davon, da können die Kinder in der Aula noch so viel jubeln. Ein riesen Drehbuch-Fehler.
2. Das Mädel im Film ist eine echte Kuh, zickig, hintenrum, feige. Wenn so eine die Heldin ist, dann heißt das doch, die Mädels sind halt so, man muss sie trotzdem gern haben. Das taugt nichts.
Sehr gut gefallen hat mir aber der gemütskranke Vater und seine Beziehung zum Sohn.
Und dann zuhause zum Abschluss noch "Berlin, Ecke Schönhauser" im Fernsehen geguckt. Und das war's jetzt wirklich!
Ullas Round-up
26 Filme, davon 4 Spielfilme, 9 Kurzfilme, 13 Dokus.
Der beste Film war "Alle meine Väter".
Gut waren:
• Der Tag des Spatzen
• Frauenzimmer
• La bocca del lupo
• Friedensschlag
• Podworka (der Actionfilm von Sharon Lockhart)
• Poi Dogs (Kurzfilm: Riese, Riesin, Tuba...)
• Sawako decides
Für alle anderen gilt das vielgeschmetterte Motto aus Sawako decides: "Wir sind unteres Mittelmaß und geben uns Mühe!" Wer den Film gesehen hat weiß, dass das durchaus positiv gemeint ist. Trotzdem: alles in allem ein eher mittelmäßiger Jahrgang, wenn Ihr mich fragt.
Verpasst/Vermisst:
• Warum hat mir eigentlich keiner rechtzeitig gesagt, dass der russische Wettbewerbsfilm "How I ended this summer" vom Regisseur von "Koktebel" war? Da wär ich doch hingegangen! Schlamperei!
• "Neukölln unlimited" im Neuen Off
• Bibliothèque Pascal
• Aisheen (Still alive in Gaza)
• Sehe ich es richtig, dass es außer dem Ian-Dury-Fanfilm keinen einzigen (neuen) britischen Film auf diesem Festival gab? Erstaunlich...
Bloggen war wieder super, vielen Dank Micha! (bei etlichen Filmen hat das Schreiben mehr Spaß gemacht als das Anschauen!) , der Blog-Editor nervt allerdings ein bisschen. Habe jetzt schon zum dritten Mal bei diesem Eintrag mit HTML rumgepfuscht und überflüssige Umbrüche getilgt - aber die Abstände werden einfach nicht kleiner...Sorry, ich gebs jetzt auf!
Was ich noch gesehen, aber nicht weiter beschrieben habe...
Son of Babylon - einer meiner ganz großen Favoriten aus der Rubrik "noch nie gesehen". Ein Spielfilm aus dem Irak, gedreht mit Laien, die großartig spielen. Sowohl die Großmutter als auch der Enkel sind grandios, die Suche nach Sohn bzw. Vater ist spannend und die Begegnungen unterwegs sehr bewegend.
Parade lief im Panorama. Ein japanischer WG-Film, vier junge Menschen wohnen zusammen, einer ist Student und jobbt, eine ist arbeitslos und mit einem TV-Star liiert, zu dem sie immer eilt, wenn der mal ein bisschen Zeit für sie hat, eine ist Illustratorin, der Hauptmieter eigentlich der "normalste" von allen hat einen Job und eine Freundin. Es taucht ein junger Stricher auf, der für die anderen eine Art Katalysator für alles mögliche wird...
San qiang pai an jing qi (三枪拍案惊奇) - der neue Zhang Yimou-Film ist vermutlich der bunteste Film des Festivals. Ein Remake von Blood Simple (muss vielleicht das Original noch mal gucken). Es gibt einige sehr nette Details wie die Polizeisirene, oder die Nudelteigchoreographie.
El vuelco del cangrejo - auch ein guter Film: da kommt ein Mann irgendwo hin und gerät in die Konflikte der Einheimischen. Dabei will er eigentlich nur ein Boot, um weg zu kommen. Der Mann sieht im Film sehr groß aus, auf der Bühne nach dem Film ist er kaum größer als die Stars aus Taiwan. Der Regisseur erzählt, er sei in Barra gewesen und habe Cerebro kennen gelernt, eigentlich wollte er einen Film über ihn machen.
Dooman River
Dooman River zeigt den Winter an der chinesisch-nordkoreanischen Grenze. Der Tumen-Fluss ist zugefroren, hungernde Nordkoreaner kommen nach China um etwas zu essen aufzutreiben. Die Leute auf der chinesischen Seite gehören fast alle zur koreanischen Minderheit, und anfangs geben sie den Hungernden gerne etwas. Problematisch wird es, als die nicht nur das nehmen, was ihnen freiwillig gegeben wird, und das ist nicht nur Essen. Leider leichte Spoiler nach dem Klick (aber ohne Schluss) ...
Samstag, 20. Februar 2010
Fast fertig!
Die Bären und sonstigen Preise sind vergeben. Ich bin etwas beleidigt, dass meine beiden besten Filme ("Alle meine Väter" und "Tag des Spatzen") leer ausgegangen sind. Find ick blöd. Immerhin hat "La Bocca del Lupo" zwei Preise bekommen (Teddy- Dokfilm und Caligari-Preis). Und der war ja auch sehr schön. Gesamt-Rückschau folgt morgen.
Thriller mit Feuerwerk und Chaos im Internet
Heute waren nochmal zwei japanische Filme dran: Zuerst Goruden Suramba (Golden Slumber, falls es nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist), danach Summer Wars.
Goruden Suramba ist ein Thriller, der Titel bezieht sich auf den Beatles Song. Aoyagi wird von seinem alten Bekannten Morita zum Angeln eingeladen, in einem Auto, das nahe der Strecke geparkt ist, wo der Ministerpräsident im offenen Wagen vorbei paradiert, erfährt er, dass ihm das Attentat auf diesen angehängt werden soll - in dem Moment gibt es die Explosion. Aoyagi schafft es zu fliehen, merkt jedoch bald, dass die Polizei ihn einfach erschießen und damit den angeblichen Fall aufgeklärt haben will. Er bekommt Hilfe von einer alten Freundin, von einem Serienkiller, einem Unterweltexperten und einigen mehr, was der Handlung überraschende Wendungen gibt, und es kommt die großartigste Verschwinden-im-aller-allerletzten-Moment-Szene vor, die ich je gesehen habe (na gut: an die ich mich erinnern kann, was bekanntlich nicht sooo viel heißen muss). Eine gute Schlussszene gibt es außerdem. Rock'n'Roll!
In Summer Wars gerät das Internet aus den Fugen. Allerdings nicht das Internet, wie ältere Menschen wie ich es nutzen, sondern OZ, eine Art "Second Life" (was ich nie gesehen habe), wo putzige Avatare alles mögliche tun: spielen, shoppen, Business, Behördengänge - alles quietschbunt. Die zweite Welt, die mir (und vermutlich auch vielen ganz normalen japanischen Menschen) eher fremd ist, ist die einer japanischen Großfamilie, die eine jahrhundertealte Geschichte hat und auf dem Land in einem hochherrschaftlichen Anwesen wohnt. Kenji, der eigentlich einen Sommerjob in der OZ-Verwaltung hat, wird von Natsuki überredet, sie stattdessen zum Geburtstag ihrer Großmutter zu begleiten. Diese Welten prallen aufeinander, als in OZ ein böser Avatar namens Love Machine auftaucht und anfängt, die Accounts der OZ-User zu okkupieren... Ich kam mir ein bisschen altmodisch vor, was meine Internetgewohnheiten angeht, weil ich die OZ-Welt total uninteressant fand. Der Film insgesamt hat mich aber ganz gut unterhalten.

