Berlinaleblog

66. Berlinale, 11. – 21. Februar 2016

21. Februar 2016
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Les premiers, les derniers: Leben ist mehr als Atmen

Les premiers, les derniers von Bouli Lanners war noch ein schönes Kinoerlebnis: es fängt düster an, ich will gerade finden, dass es in Belgien ganz schön öd ist und dass ich eigentlich diese gedämpften Farben im Film nicht so richtig mag, da zieht mich der Film auch schon in seine Geschichte oder eher seine Geschichten hinein: Esther und Willy sind auf der Flucht, aber auch auf dem Weg irgendwohin, Gilou und Cochise sind alternde Kopfgeldjäger mit einem Spezialortungsgerät auf der Jagd nach dem Mobiltelefon ihres Auftraggebers, dann gibt es noch einen Haufen fieser, gewalttätiger, aber auch ein bisschen doofer Provinzgangster, Jesus und in zauberhaften Nebenrollen den kleinen, schlauen Hund von Gilou, einen sehr alten Hotelbetreiber, der Orchideen züchtet, seinen Freund, den ebenfalls sehr alten Bestatter, eine etwas verpeilte, aber freundliche Frau und eine Mumie.

Wie die Figuren sich begegnen, wieder trennen, sich wieder treffen, würde von oben vielleicht aussehen wie Kugeln auf einem Billardtisch (Carambolage versteht sich, ohne Löcher). Das Großartige ist, wie das, was sie erleben, wenn sie gemeinsam oder getrennt unterwegs sind, die Geschichte immer weiter voran bringt – zu einem richtig klasse Ende, womit das der zweite Film an einem Tag ist, nach dem ich mit diesem beseelt-wunderbaren „Wow! Kino! Toll!“-Gefühl aus dem Kino komme.

20. Februar 2016
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Ejhdeha Vared Mishavad! – A Dragon Arrives!

Das war er: Ejhdeha Vared Mishavad! (A Dragon Arrives!) von Mani Haghighi (auf der Berlinale liefen 2006 Men At Work und 2012 Modest Reception) ist mein persönlicher Bär. Wenn in den letzten paar Filmen, die noch kommen, nicht noch etwas völlig unerwartetes passiert, habe ich meinen Bären gesehen, der ein Drache war.

Hier hat mich alles beeindruckt: starke, nie gesehene Bilder, tolle Farben, eine seltsame, zunächst verwirrende, aber nicht unlogische Geschichte, verschiedene Zeit- und eine Metaebene, interessante Figuren, Spannung, Mystery, ein Wahnsinns-Soundtrack – ich war danach total geflasht, konnte nur noch beseelt zur U-Bahn schweben und immer nur „Wow! Hammer! Kino! Ui!“ denken. Naja, denken ist an der Stelle vielleicht zu viel gesagt.

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20. Februar 2016
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Zweimal Arktis

Dieses Jahr bin ich zweimal in die Arktis gereist: in der Sparte NATIVe – Indigineous Cinema mit Qapirangajuq: Inuit Knowledge on Climate Change von Ian Mauro und Zacharias Kunuk, das zweite Mal im Kulinarischen Kino mit Kivalina von Gina Abatemarco.

In Qapirangajuq erzählen die „Elders“, die alten Respektspersonen in ihrer Sprache Inuktitut von den Veränderungen, die sie während ihrer Lebenszeit beobachtet haben. Das ist sehr beeindruckend. Irgendwer hat in diesem Film dramatische Bilder vermisst – schmelzende Gletscher und sowas – aber mir haben die Erzählungen, einige Außenaufnahmen und ein bisschen historisches Material, das zu den Erzählungen gezeigt wurde, vollkommen gereicht. Die Alten erzählen, was sie von ihren Eltern und Verwandten als Kinder gelernt haben, wie sich die Dinge verändern, das Eis dünner ist als früher, das Fell der Robben kranke Stellen hat und leichter reißt als früher. Sie beobachten Dinge, die ich als Zuschauerin im ersten Moment kaum glauben kann: dass die Sonne, wenn sie im Frühling zum ersten Mal am Horizont erscheint, an einer anderen Stelle auftaucht, als „früher“ – im anschließenden Gespräch werden wir aufgeklärt, dass das wirklich so ist, allerdings nicht, weil die Erde aus der Achse geraten ist, sondern weil die Temperaturänderungen der Atmosphäre eine andere Lichtbrechung verursachen.   Weiterlesen →

20. Februar 2016
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Remainder – Konstruktion von Erinnerung

Der Anfang von Remainder  von Omer Fast ist super – da ist ein junger Mann mit einem Rollkoffer, der versucht, jemanden zu erreichen. Er hat noch Blickkontakt zu einer jungen Frau, den Koffer hat er ein paar Meter entfernt stehen lassen, er sieht sich um und wird von etwas auf den Kopf getroffen. Er erwacht irgendwann aus dem Koma, bekommt eine Entschädigung von 8,5 Millionen Pfund, ohne zu wissen, wofür eigentlich. Er muss alles neu lernen und versucht mit dem Geld, die Realität zu rekonstruieren, die seine Erinnerungsfetzen noch hergeben, um aus der Konstruktion weitere Erinnerungen hervorzulocken. Das wirkt am Anfang ein bisschen schrullig, wird aber immer gewaltsamer und düsterer.

Soweit das Setting, das mir wirklich gut gefallen hat. Der Schaden, der im Kopf des Mannes angerichtet wurde, wird von Tom Sturridge sehr eindrücklich dargestellt. Ich weiß auch nicht, weshalb es mich gestört hat, dass die Rekonstruktion immer unwahrscheinlicher wurde – Zeitschleifen brauchen keiner Wahrscheinlichkeit zu gehorchen. Eigentlich bin ich mehr als bereit, mich auf solche Dinge einzulassen, aber für mich hat es am Ende dann nicht funktioniert. Vielleicht hätte ich mir zumindest eine innere Logik gewünscht? War es sein oder Catherines Koffer? Hat sie ihn nur zurück geholt? Waren die Cops wirklich welche? Weshalb haben sie den Kleindealer erschossen? Wieso stören mich lose Enden ausgerechnet hier? Keine Ahnung.

Andere Leute sind begeisterter, z.B. Steffen Wagner im Festivalblog, wo es auch noch ein Interview mit Omar Fast gibt.

19. Februar 2016
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Zhi fan ye mao – Geistergeschichte

Zhang Hanyi erzählt in Zhi fan ye mao (Life after Life) eine Geistergeschichte. Die vor zehn Jahren verstorbene Mutter nimmt Besitz von ihrem etwa 15-jährigen Jungen – lustig: seine Jacke, auf der vorne und hinten in adidas-Schrift „daoias“ steht. Sie ist zurückgekehrt, weil sie noch einen Wunsch offen hat. Eigentlich eher, weil sie findet, dass sie ein ausgesprochen schweres Leben hatte, in dem sie sich nie Wünsche erfüllt hat. Jetzt will sie den Baum, den ihr Vater ihr zur Hochzeit geschenkt hat, verpflanzen. Der ist aber schon ziemlich groß. Ihr Mann versucht, alle möglichen Leute zum Helfen zu bewegen, das klappt aber nicht.  Weiterlesen →

19. Februar 2016
nach maxuta
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The Last Days of the City

Das soll die englische Übersetzung des ägyptischen Filmtitels: Akher ayam al Madina sein. Anders als bei europäischen Sprachen muß ich mich hier verlassen – und bin davon interessanterweise mehr irritiert als bei afrikanischen oder asiatischen Sprachen. Erst zum Ende des Films bekommen wir eine (unerwartete) Erklärung für den Filmtitel. Und diese ist, wie vieles in dem kunstvollen Film von Tamer el Said poetisch und hart zugleich.

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19. Februar 2016
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WEEKENDS – Chorfilm aus Korea

WEEKENDS von Lee Dong-ha porträtiert den ersten südkoreanischen schwulen Chor G-Voice. Beinahe hätte ich mich von Uta noch vom rechten Weg abbringen lassen, weil das, was sie über die iranischen Mädchen schrieb, sehr spannend klang. Aber dann bin ich zum Glück doch mit dem bereits gekauften Ticket ins Kino gegangen, und das war eine sehr gute Entscheidung.

Lee Dong-ha war früher selbst Mitglied bei G-Voice (die Website ist nur koreanisch, Google-Translate macht genau nix), kennt den Chor also sehr genau. Der Film beginnt mit einer unglaublich schlechten Probe, die Sänger sind ziemlich selbstkritisch („we’ve practising for so long and still suck“), und die Zuschauerin wird erfolgreich in die Irre geleitet. Die können nämlich sehr wohl singen, und zwar Lieder ihres Chorleiters, der ihr Leben in Lyrics und Noten fasst. Das ist stellenweise sehr ergreifend, und ich war quasi ständig zu Tränen gerührt. Allerdings nicht nur vom schönen Gesang, denn was im Film auch viel Raum einnimmt: einer sexuellen Minderheit anzugehören, ist in Korea nicht leicht. Die Sänger erzählen aus ihrem Leben, von ihren Beziehungen, aber oft auch, dass ihre Eltern nicht wüssten, dass sie schwul sind, einer, dass seine Mutter verlangt, dass er es wenigstens geheim hält. Es sind einfach nur Aufnahmen von den Gesichtern, und sie machen sichtbar, wie sehr die durchweg jungen Männer unter Ablehnung leiden. Weiterlesen →

18. Februar 2016
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Hotel Dallas

Das war ein sehr abgedrehter Film über die jüngere Geschichte Rumäniens und die der rumänischstämmigen Hauptdarstellerin/Regisseurin, die jetzt in New York lebt und mit den chinesischstämmigen Co-Regisseur verheiratet ist. Leitmotiv ist die rumänische Besessenheit mit Dallas, das noch zu Ceaucescus Zeiten als einzige westliche Serie im rumänischen Fernsehen lief und von der gesamten Nation verschlungen wurde (und damit dann auch deren Vorstellungen von „westlichem“ Leben nach der Revolution  ein Stück weit geprägt hat). Vielerlei Skurrilitäten tauchen auf, z.B. das namensgebende Hotel, das ein rumänlischer Sonnenblumenölbaron nach dem Vorbild der Southfork Ranch gebaut hat. Besonders gut hat mir „the endless column“ gefallen, die irgendwo in der rumänischen Pampa rumsteht und den Himmel in zwei Hälften teilt. Einige zentrale Dallas-Szenen werden mit Kindern nachgespielt und der klassische Dallas-Vorspann wird nachgebaut – das  ist wirklich originell und lustig.

Leider wussten die beiden Filmemacher nicht, wann gut ist. Die beiden länglichen Exkurse über das Leben des Künstlers in New York und über die rumänische Gegenwartphilosophie haben dem Film seinen Fokus gekostet, finde ich. Nächstes Mal bitte konzentrierter beim Thema bleiben, dann wird das eine tolle Sache.